„Lieber Freund,“ versetzte Michael Petroff, „fassen Sie sich. Er soll nicht hereinkommen. Ich verspreche es Ihnen. Aber ich will sehen!“
Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam er zurück. Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen.
„Ja,“ sagte er gedämpft, „da steht er an seiner Türe und lauscht. Weshalb zittern Sie so, lieber Freund?“
„Verlassen Sie mich nicht!“ flüsterte der Advokat, immer noch die Hände vor dem Gesicht.
Der „Rajah“ lag auf dem Bett, die großen Augen mit einem glänzenden Blick in die Ferne gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht war eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich aufzustehen und wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die Temperatur und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche Symptome einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem „Rajah“ mit freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der „Rajah“ ihm aber nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er war an die Launen seiner Patienten gewöhnt und wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen.
Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. Er hatte trotz aller Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter der Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm Stimmen, das Geschrei von Millionen von Menschen, die die Hände nach ihm rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, er hörte das Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der Kaiser und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war trocken und spröde, sein Puls hüpfend und unstet. Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett und beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und alle seine Erfahrungen blitzschnell in Gedanken durchflog. Dann verließ er Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene.
Nach einer Stunde aber war er schon wieder bei ihm.