Die Patienten des Pavillons wurden von einer sonderbaren Nervosität ergriffen, die sich stets bei ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche des Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit behutsamen Schritten, sprachen nur halblaut, und manche verließen das Zimmer überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum sich zu regen und bat die tausend Vögel, die mit ihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als er ihnen Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang ihn eine unbekannte Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er lange Zeit, die Hand in der Art der Kinder auf das linke Auge gepreßt und spähte mit dem rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die weiße Wand des Korridors. Sobald aber ein Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr er erschrocken zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen mußte, so öffnete er lautlos und langsam die Türe und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts Türe gerichtet, bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch um und eilte hinab, immer in der Furcht, daß ihn plötzlich eine Hand am Rockkragen festhalten werde.
Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine Unruhe nichts anhaben konnte. Er saß an seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd den Kopf über die Furcht des kleinen Advokaten, versprach ihm aber für alle Fälle seinen Schutz.
„Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!“ sagte er gönnerhaft. „Solange ich lebe, haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!“ Und mit wichtiger Miene fügte er hinzu: „Ich war bei ihm. Er erzählte mir, daß der ‚Rajah‘ ihm seine Seele versprochen habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber verlassen sich auf Michael Petroff!“
„Ich danke Ihnen!“ flüsterte der Advokat und griff nach Michael Petroffs Hand, um sie zu küssen.
„Nicht das! Wozu?!“ wehrte Michael Petroff ab, fühlte sich aber doch geschmeichelt und geehrt.
Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht aber hörte er Engelhardt rufen und verkroch sich zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, als sei er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor Angst kaum zu atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren Schwarm von Vögeln, die pfeilschnell in einer leichten Biegung über den Himmel glitten. Er winkte und rief empor: „Wohin? Wohin?“ — „Komm mit! Komm mit!“ zwitscherten die Vögel zur Antwort. „Nach Wien! nach Wien!“ und sie glitten in die Ferne. Der Advokat sah ihnen nach und schlief ein.
Die Kräfte des „Rajahs“ schwanden zusehends, obgleich Doktor März ihm künstlich Nahrung zuführen ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine braunen Hände hatten eine graue, fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine mächtige breite Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine Lider, die fahler aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen gesenkt, aber sobald jemand ins Zimmer trat, hoben sie sich langsam, und ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden.
Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor März saß fast die ganze Zeit am Bett des Kranken. Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm unverständlich und besonders besorgt machte ihn das unerklärliche, rapide Nachlassen des Herzens. Er saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, versuchte alles nur Denkbare, — und am Abend wußte er, daß der „Rajah“ nicht mehr zu retten war.
„Wie geht es ihm, Doktor?“ fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt aufgelauert hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des „Rajah“.
„Nun, nicht schlecht!“ antwortete Doktor März zerstreut.