Die Gießkanne war leer, und der Advokat machte im Morgengrauen den Weg zum Pumpbrunnen zurück.
Der Advokat war seit dem Tode seiner Frau ein Freund der Blumen und Vögel geworden. Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: „Man muß die Blumen begießen. Die Vögel müssen ihr Futter haben.“ Das waren ihre letzten Worte, und der Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren wiederklingen. Er hörte sie aus jedem Windhauch, aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja sogar aus der Stille vernahm er sie. Im Zimmer seiner Frau stand ein schwarzer schwerer Wäscheschrank (an den er sich merkwürdigerweise noch heute erinnerte), und auch dieser schwarze breite Schrank wiederholte ihm die letzten Worte seiner Frau, obschon er keinen Laut von sich gab. Der Advokat lebte still und einsam weiter und begoß die Blumen in den Vorfenstern und gab den Vögeln in den Bauern Futter und Wasser. Die Blumen gingen ein, und die Vögel starben, einer nach dem andern. Der Advokat aber bemerkte es nicht. Ihm schien es vielmehr, als ob die Vögel munter in ihren Bauern hüpften und zwitscherten. Sie brüteten, und es wurden ihrer immer mehr. Und der Advokat hatte seine kindliche Freude daran. Endlich waren es Hunderte, die ihm von früh bis spät in die Ohren zwitscherten, Tausende. Sie lebten in den Wänden, an der Decke, überall. Und der Advokat konnte nicht verstehen, daß die andern sie weder sahen noch hörten.
Als die Sonne aufging, hatte der Advokat schon ein gutes Stück seiner Tagesarbeit hinter sich und kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein Landhaus im grünen Garten lag.
Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, stand lächelnd Michael Petroff, ehemals Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn mit einem heiteren, hellen: „Guten Morgen, mein Freund!“
Der Advokat in seinem wollenen Schal, der Halsbinde, den wattierten Stiefeln, verneigte sich und zog die Kappe.
„Guten Morgen, Herr Kapitän!“
Sie verbeugten sich einigemal, denn sie hatten die größte Hochachtung voreinander, dann erst reichten sie sich die Hand.
„Haben Sie gut geschlafen, Herr Advokat?“ fragte Michael Petroff und beugte sich etwas herab, wobei er liebenswürdig lächelte.
„Geschlafen? Ja, ich danke.“
„Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!“ fuhr Michael Petroff fort und ließ ein helles, fröhliches Lachen hören. „Vorzüglich, in der Tat. Ich träumte —“, setzte er hinzu und blickte lächelnd, das rechte Auge halb zusammengekniffen, in den Garten hinaus. „Ja! — Und nun treten Sie ein in mein Bureau, mein Freund. Es gibt Neuigkeiten. Bitte!“ Er legte die Hand auf die Schulter des kleinen Advokaten und ließ ihm mit einer kleinen Verbeugung den Vortritt.