Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, großer Mann, mit stahlblauen, heiteren Augen und einem kleinen blonden Schnurrbart, der wie sein blondes, seidenweiches gescheiteltes Haar zu erbleichen begann. Er war peinlich sauber gekleidet und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und schön geformt, etwas zu zart, sein Mund von außerordentlich schöner und weicher Zeichnung, wie der Mund eines Knaben.

„Bitte!“ sagte Michael Petroff und lud den Advokaten mit einer Handbewegung ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

„Ich störe. Störe ich nicht?“ flüsterte der Advokat und blieb stehen.

„Nein! Sie, wie sollten Sie —?“ Und Michael Petroff drängte den Advokaten auf das Sofa. Der kleine Advokat nahm scheu und mit einem dankbaren Blick Platz. „Sie haben ja so viele Arbeit — ich weiß —“, sagte er und deutete mit dem Kopf auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, Zeitungen und Manuskripten.

„Es gibt zu tun, ja!“ versetzte Michael Petroff mit einem merkwürdigen Lächeln auf den schönen knabenhaften Lippen. „Aber für seine Freunde hat man immer Zeit. — Hier, nun hören Sie! Ich habe heute ein Memorandum an die hessische Regierung entworfen —,“ Michael Petroff wippte lächelnd ein Papier in der Hand — „die hessische Regierung wird auf das nachdrücklichste — auf — das — nachdrücklichste — ersucht, den Prozeß eines Lehrers zu revidieren!“

Hier blickte Michael Petroff auf seinen Gast, und seine Stirn legte sich urplötzlich in vier tiefe Falten. „Dieser Lehrer,“ fuhr er fort, „wurde zu vier Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis verurteilt. Er hatte zehn Mäuler zu stopfen und unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen Sie dazu, wie. Hahaha, sehen Sie, so ist die Welt! Ich fordere in meinem Memorandum nicht allein eine Revision des Prozesses, sondern auch dringend die Erhöhung der Beamtengehälter. Ich forderte — ich, Kapitän Michael Petroff, und ich werde auch Stellung im ‚Unparteiischen‘ nehmen. Sie werden sehen, mein Freund!“ Michael Petroff ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über den kleinen kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend zuhörte, ohne recht zu verstehen, was der Kapitän wollte.

„Sie tun viel Gutes!“ flüsterte er und nickte, und über sein kleines, fahles, verwüstetes Gesicht glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem Nachdenken setzte er hinzu: „Sie sind ein guter Mensch, das ist es!“

Michael Petroff schüttelte den Kopf. „Ich tue meine Pflicht!“ versetzte er ernst. Und indem er die Hand auf das Herz legte und seine hellen, stahlblauen Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: „Meine heilige Pflicht!“

Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in einem Petersburger Regiment, betrachtete es als seine Lebensaufgabe, die Gerechtigkeit auf Erden zu vertreten. „Tribunal des Rechts und der Gerechtigkeit“ nannte er sich. Er war auf zwei große Tageszeitungen abonniert, die er jeden Tag nach Fällen durchsuchte, in denen seiner Ansicht nach jemand ein Unrecht geschehen war. Und jeden Tag fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts als Fälle! Diese Fälle schnitt er aus, ordnete sie nach dem Datum und begann hierauf sie zu verarbeiten.

Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, wie er sein Zimmer nannte, oder in seiner Redaktion, wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton seinem Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und schrieb mit einer sauberen gestochenen Hand seine Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab sie täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, der ihre Beförderung ein für allemal übernommen hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke bereitwillig entgegen und legte sie in ein besonderes Fach, um sie gelegentlich als Material für sein Werk über Graphomanie zu benützen.