Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit übrig ließ, verwandte Michael Petroff auf die Redaktion seiner Zeitung. Und diese Zeitung war die Ursache, daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen Redaktion nannte. Diese Zeitung erschien nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig wurde. Gewöhnlich erschien sie im Jahre einmal, manchmal aber auch, wenn ihn seine nervösen Zustände zur Eile antrieben, zweimal.

Michael Petroffs Zeitung war das genaue Abbild einer gewöhnlichen Tageszeitung, vom Kopf an, wo die Bezugsbedingungen vermerkt waren, und die Stadt, in der sie erschien — die Michael Petroff willkürlich wählte — bis auf die fingierten Namen der Herausgeber und Redakteure. Sie enthielt, wie jede andere Zeitung, Annoncen, die Michael Petroff höchst einfach aus anderen Zeitungen herausschnitt, einen Leitartikel, ein Feuilleton.

Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte sich — mit Ausnahme weniger Artikel, die zur Maskierung eingeschoben waren — mit der Frage: Ist die Internierung Michael Petroffs, Kapitän der russischen Armee, berechtigt? Die Überschriften der einzelnen Artikel lauteten in jedem Jahre anders, wenn sie auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das Ultimatum der russischen Regierung! — Ein Brief des Zaren an den Chefarzt Doktor März! — Die Zeitung erschien auch in jedem Jahr unter einem anderen Namen. Michael Petroff nannte sie „Weltauge“, „Europas Gewissen“, „Das Bajonett“.

Aus seinen Petitionen machte Michael Petroff kein Geheimnis, über seine Zeitung aber sprach er nur zu seinem Vertrauten, dem Advokaten. Und es ist möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig und äußerst gutherzig, nur deshalb den kleinen Advokaten so sehr ans Herz geschlossen hatte, weil er mit ihm über seine Zeitung plaudern konnte.

„Einen Augenblick, mein Freund!“ sagte er. „Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte Ihnen gerne das Neueste mitteilen, bleiben Sie.“

Er trat zur Türe und räusperte sich, während er lauschte. Dann trat er hinaus auf den Korridor, hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die Redaktionsschublade, deren Schlüssel er am Halse trug, auf, lachte hell und heiter und begann: „Das Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: Doktor März verhaftet!“

„Doktor März verhaftet?“ flüsterte der Advokat ängstlich, und sah mit schlaffem Mund zu Petroff empor.

Michael Petroff lachte.

„Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe in dem Artikel aus, daß die Verhaftung des Doktor März bevorstände und er sich ihr nur entziehen könnte, wenn er Michael Petroff augenblicklich freigäbe!“

Der Advokat nickte. „Ich verstehe“, sagte er und lächelte, da er Petroffs heitere Miene sah. Und doch dachte er gar nicht an Petroffs Artikel, sondern daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen müsse. Er wurde unruhig und machte Miene aufzustehen.