Hille. In der nächsten Nacht erschien der himmlische Bote wieder und hielt die Heilige Schrift in der Hand. Er schlug das Buch auf und da ging ein Blitzen und Gleißen aus dem Buch, daß es mich blendete. Ich kniete im Traume und fragte: Soll ich im Buche lesen? Der himmlische Bote sagte: Du sollst das Buch öffnen und da, wo dein Auge hinfällt, sollst du lesen. – Ich erwachte zeitig, reinigte mich und betete. Dann nahm ich die Heilige Schrift zur Hand und schlug sie auf und las, wo mein Blick hinfiel. Da stand geschrieben: Gib mir einen Mut, daß ich mich nicht entsetze vor ihm und vor seiner Macht, sondern daß ich ihn stürzen möge. Das wird deines Namens Ehre sein, daß ihn ein Weib darniedergelegt hat.

Und weiter las ich: Da sie nun ausgebetet hatte, stand sie auf. Und rief ihrer Magd Abra und ging herunter ins Haus und legte den Sack ab und zog ihre Witwenkleider aus. Und wusch sich und salbete sich mit köstlichem Wasser und flocht ihr Haar ein und setzte eine Haube auf und zog ihre schönen Kleider an.

Rottmann erregt, leise: Judith von Bethulia, Manasses Witwe!

Hille. Ich hatte das Buch der Judith aufgeschlagen, aber noch immer verstand ich nicht, da ich töricht bin. An diesem Tage las ich das Buch Judith wieder und wieder und fastete und betete und flehte Gott an, mich zu erleuchten. – In dieser Nacht aber führte mich der Bote Gottes im Traum auf den Wall von Münster und deutete gegen Osten und sagte: Siehe, die Sonne kommt bald hervor. Und sowie sie hervorkommt, mußt du gehen, wie Judith gegangen ist. Du bist die Judith des neuen Zion! Und der himmlische Bote deutete gen Westen, da sah ich den Bischof sitzen. Er trug ein rotes Gewand, starr von trockenem Blut, und eines Narren Kappe auf dem Kopfe. Aus der Kappe aber sahen Hörner, wie bei einem Ochsen so groß. – Siehst du, Hille, sprach die himmlische Stimme, das ist der neue Holofernes. Und ich fragte: Was soll ich tun? Die himmlische Stimme sagte: laut, wie ein Befehl: Tue, wie Judith mit Holofernes tat! Gehe hinaus in das Lager und schlage dem Bischof den Kopf ab! Ich werde dich behüten, wie ich Judith behütete.

Und ich antwortete: Dein Name sei gelobt! Ich Werde tun, wie du befohlen hast! Sie strahlt verzückt.

Rottmann in stiller Verzückung, kniet: Wunderbar sind deine Wege, Unerforschlicher.

Alle erheben sich und neigen sich vor Hille.

Tilbeck. Schwester! In Demut neigt sich der Knecht Tilbeck vor dir.

Dusentschur krümmt sich: Was sind dagegen menschliche Pläne? Er lacht, er küßt den Saum von Hilles Rock. Wollte ich mich nicht Gott aufdrängen und nackt gegen die Heiden laufen? Dusentschur – Gott der Herr hat dir gezeigt, wie närrisch du bist!

Johann. Dies ist also Gottes Plan, Knipperdolling. Verstehst du jetzt?