Trauer erfüllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfüllte mein Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es würden Tränen aus meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn nicht, ich ging aufgerichtet einher.

Das war der Herbst. Das Laub färbte sich, es war als schicke die Erde ihr Blut in die Äste, auszublicken, auszuspähen, da der lange Winterschlaf kommen sollte, wo sie nichts mehr wußte. Der Wind wehte, und das Laub fiel. Zuerst von den obersten Ästen, dann bis tief herunter. Die Bäume standen kahl, nackt, sie grämten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie lächelten in der matten Sonne, wie Sterbende lächeln. Es gab einzelne Blätter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der Wind riß und riß und endlich riß er sie doch los und warf sie roh triumphierend in die Luft. Und mir war es, als höre ich die flatternden Blätter schreien. Die Vögel sammelten sich, sie schrien, lärmten und eines Tages schwangen sie sich in die Höhe und zogen fort.

Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es war ein Weinen im Walde, ein unterdrücktes Schluchzen irrte in der Mitte des Waldes.

Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Blätter, es knallte, eine Frucht zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Blätter daran, sie sahen aus wie verkrümmte, vertrocknete Hände. Das Haus stand kahl da, nackt, geschoren, bloßgestellt, es war größer geworden, größer und öder.

Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhänge, Teppiche und Bilder genommen hat.

Schmutziggraue Wolken schleppten sich über das Tal. Ich dachte an die schaumigen, weißen Wolken des Sommers, die über den blauen Himmel schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzündet hatte mit seiner Glut, seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode.

Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es war auch alles schmutzig, müde, es war ein Herbst, der einen häßlichen, feigen Tod starb.

Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in dem ein großer Toter schlummerte. Ich kam vorüber an der Statue, dem Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich ging durch das Pförtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich lächelte und sagte: „Hier gingst du, gütige Ingeborg, in jenen Nächten —“

Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gütig zu sagen, als höre es Ingeborg, die Gute.

Ich legte die Handfläche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht huschte hier Ingeborgs Fuß darüber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fuß ihn in den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein.