„Ja, es kann sein, daß ich wieder einmal vorbeikomme“, rief sie und blickte in den Mond, der hinter glänzenden Wolken zog. Bläuliches Licht huschte über ihr Gesicht, ihre Zähne und ihre Augen glänzten wie Email.
Ingeborg blickte in den Mond, dann wandte sie mir den Blick zu und sie sagte unvermutet: „Abscheulich müssen Sie gegen Claire gewesen sein, Fürst! Ja, abscheulich!“ Sie sprach sehr schnell. Sie schüttelte den Kopf und fuhr leise fort:
„Ich begreife Sie gar nicht! Nein! Ich bringe Ihnen Grüße von ihr, von Claire, wir sprechen von ihrem Tode, und Sie verändern keine Miene und sagen, daß Claire Ihnen sehr leid getan habe. Was ist das? Sehr leid hat sie Ihnen getan! Und Sie haben sie doch ermordet, ja, das haben Sie getan.“
Sie sah mir dicht in die Augen, aber ihr Blick war schüchtern und demütig. Ihre Haare wehten.
„Wissen Sie, was mir Claire alles von Ihnen erzählt hat? Nein, sie hat nicht oft von Ihnen gesprochen, das ist wahr. Sie sagte, Sie seien edel und gütig. Sie sagte, sie hätte nicht mehr als hundert Worte mit Ihnen gewechselt. Sie haben es wohl gewußt, Sie haben alles gewußt, aber Sie waren doch abscheulich! Was hätte Claire für ein Wort von Ihnen gegeben? Wir fuhren zweimal an Ihrem Hause vorüber, Claire wurde so weiß wie Kreide. Nein, ich weiß nicht, was zwischen Claire und Ihnen war, aber Sie waren nicht edel gegen sie. Sie hätten bei Papa einen Besuch machen können, um Claire eine Freude zu bereiten, — nichts taten Sie, gar nichts!“
Ich sah sie an und konnte nichts erwidern. Ich dachte an diese sonderbaren Menschen, an alles dachte ich und an nichts.
Ingeborgs Antlitz war bleich, ihre Augen füllten sich mit dem Lichte des Mondes und wurden bleich. Auch ihre Stimme klang bleich.
„Fürst,“ flüsterte sie, „wer sind Sie doch? Sie wissen nicht wer Sie sind, nein.“ Sie hielt inne. Sie lächelte und schüttelte ganz unmerklich den Kopf. „Nein, Sie wissen nicht, wer Sie sind!“ wiederholte sie noch leiser. Dann lachte sie, ganz kurz. Sie sah mich mit schwärmerischen Augen an und sagte:
„Ich liebe Sie nicht, nein, aber ich muß immerfort an Sie denken. Weshalb kamen Sie am Sonntag nicht? Ich schrieb noch eine Zeile unter die Einladung, ich dachte, Sie müßten nun kommen. Aber dann bekam ich Angst und ich fuhr auf Umwegen an Edelhof vorüber. Aber doch kamen Sie nicht. Ich habe gewartet und gewartet, ich saß auf der Treppe und der Wind blies. Herr Usedom war da, auch Harry Usedom, alle waren sie da. Ich sprach kein Wort. Was werden sie sich von mir denken? Das ist mir ganz gleichgültig. Harry Usedom sagte zu mir: Was haben Sie doch? Nichts, sagte ich. Ich sagte es sehr unhöflich. Ich wartete auf Sie, auf Sie ganz allein! Es ist mir gleichgiltig, daß ich unhöflich gegen Harry Usedom war — — haha — — alles hat sich vor meinen Augen gedreht, dann lief ich bis zur Höhe, bis hieher und wartete. Sie kamen aber nicht!“
Ich wollte sprechen, aber Ingeborg ließ es nicht zu.