Alle diese Freundinnen gehörten mit wenigen Ausnahmen jener bequemen sozialen Schicht an, die um ein Etwas tiefer lag als Schwedenklees Gesellschaftsklasse. Es waren Stenotypistinnen, Modistinnen, Erzieherinnen, kleine Schauspielerinnen, Tänzerinnen, sogar eine Dame vom Varieté war dabei. Sie alle waren gierig nach dem Leben, wollten zuweilen in einem eleganten Restaurant dinieren, wie feine Damen, wollten zu einem Rennen fahren, im Auto über den Kurfürstendamm rollen, wollten eine Oper besuchen, um vor ihren Freundinnen damit prahlen zu können. Eine kleine Reise, lieber Himmel, wie wunderbar, ein Paar Sommerschuhchen mit Seidenstrümpfen, herrlich! Ein Ausflug aufs Land, mein Gott, sie wurden sofort um Jahre jünger, dreizehn, plapperten wie Kinder. Sie genossen jede Kleinigkeit, das Nichts selbst, diese guten Geschöpfe, schlürften, waren berauscht. Sie schrien vor Erregung, wenn das Pferd, auf das sie gesetzt hatten, mit einer vollen Länge in den Einlauf einbog, und zerbrachen den Sonnenschirm, wenn es knapp vor dem Ziel noch geschlagen wurde.

Es war nicht schwierig, ihre Bekanntschaft zu machen. Schwedenklee war, es ist die Wahrheit, in gewissem Sinne schüchtern, und das Herz schlug ihm im Halse vor jedem Abenteuer, aber es gelang fast immer. Schwieriger war es schon, sie, wie er es nannte, „in der rechten Distanz zu halten“. O, oft war es eine Kunst! Sie durften in ihren Gefühlen und Ansprüchen niemals eine gewisse Linie überschreiten, die Beziehungen mußten leicht und immer unverbindlich bleiben. Und doch lag es im Wesen dieser Sehnsüchtigen, diese Linie stündlich, in jeder Minute zu verletzen.

Das schwierigste aber war es, sie zu verabschieden! Ein unerfreuliches Kapitel. Wirkliches oder geheucheltes Erkalten der Empfindungen, eine vorgebliche Geschäftsreise, etwas Schauspielerei – und, wenn es sein mußte, sogar Härte! Es fiel Schwedenklee nicht leicht, Härte zu zeigen. Zorn, Tränen, verzweifelte Briefe, Drohungen. Nein, nicht immer ging es so leicht und einfach wie bei Otti, die einfach auf ihn einschlug und einen rasenden Brief schrieb.

Schwedenklee saß hingestreckt in dem bequemen Ledersessel, die Beine übereinandergeschlagen, die Zigarre im Mund, und sah zur Decke empor. Der Wein ging zur Neige, er war in eine warme, heitere Laune geraten. Die Stunden flogen. Lächelnd, träumerisch war Schwedenklees Miene.

Gestehen wir es nur, er hatte es verstanden, sein Leben zu genießen! Seine Freundinnen waren alle gute, liebe Geschöpfe gewesen, auch Otti natürlich, er hatte wenige, fast keine Enttäuschungen mit ihnen erlebt.

Sonderbar, er hatte sie fast alle vergessen! Er erinnerte sich kaum noch an ihr Aussehen, die Züge waren in seinem Gedächtnis verblaßt. Welche Farbe hatten, zum Beispiel, ihre Augen? Die Farbe der Haare war einigermaßen haften geblieben, ähnlich wie die Haare sich in den Gräbern am längsten erhalten, wenn alles andere längst vermodert ist. Einzelne hatten nicht den geringsten Eindruck hinterlassen, von anderen wußte er nur, daß sie groß oder daß sie klein und zierlich waren. Von Otti hatte er am klarsten die Matrosenbluse in Erinnerung und, wie gesagt, die herrlichen Beine. Von einer Tänzerin wußte er noch, daß sie hohe Straßenstiefelchen trug, aus einem Leder wie graue rauhe Glacéhandschuhe. Von einer Französin war kaum mehr in seinem Gedächtnis verblieben, als daß sie einen Bleistift mit den nackten Zehen hochheben konnte.

Für eine gewisse Ellen, eine Schauspielerin, hatte er fortwährend Villen und Landhäuser entwerfen müssen, mit einem Schwimmbassin, das in ein Palmenhaus eingebaut war. Er erinnerte sich an Ellens zarte Fingerspitzen, die leise bebten, wenn sie ihn berührte. Diese Ellen errötete leicht und sehr merkwürdig. Ihre Haut war sehr zart, und die Röte überflog ganz unvermittelt wie ein Gluthauch ihr Gesicht und bedeckte auch Hals und Nacken. Nichts sonst fiel ihm in dieser Sekunde von Ellen ein.

Eine andere quälte ihn eifersüchtig, und ihre schwarzen Augen funkelten. Die Tänzerin sah er vor sich, wie sie im Varieté auftrat, abwechselnd kalkgrün und korallenrot beleuchtet. Ihre Züge waren ihm entfallen, aber er erinnerte sich, daß sie beim Souper nach dem Theater immer noch etwas Farbe von der Schminke um die Augenlider hatte. Das sah ungeheuer interessant aus.

Berta mit dem pechschwarzen, schnurgeraden Scheitel hatte die Unart an sich, in den Restaurants unbemerkt kleine Brotkugeln nach den Nachbartischen zu werfen. Sie trug eine Narbe von einer Blinddarmoperation am Leibe, und diese silbrige Narbe sah er ganz scharf vor sich. Die Dame vom Varieté, die er bald verabschiedete, weil sie täglich größere Ansprüche stellte, liebte es, eine schwermütige Miene anzunehmen, während sie ihn mit ihren glasig-glänzenden braunen Tieraugen ansah, um dann seufzend zu lächeln und ihr herrliches Gebiß zu zeigen.

Hier, siehst du, Schwedenklee, ist ein kleines, von schwarzen Haaren umflattertes Gesichtchen, das große Tränen in den schönen Augen hat. Und hier, Schwedenklee, da ist sie, wie hieß sie doch gleich, sie konnte so wunderbar lachen! Sie war eine Virtuosin im Lachen, sie steckte die Nachbartische an, sie gab Gastspiele im Lachen – ach Gott, wie hieß sie denn? Sie ging von dir zu einem Karikaturenzeichner über, der sie dann hundertmal zeichnete, in allen Witzblättern war sie zu sehen. Es wird ihr wohl nicht schlecht ergangen sein – wir wünschen es ihr.