O ja! Auch das war recht gut denkbar!

Vielleicht war dieser Unglückselige gar kein fassungsloser Ehemann, der seine Frau betrauerte? Wie? Vielleicht war er nicht mehr und nicht weniger als ein Schwindler, der einen Pumpversuch schlau einleitete? Ein Erpresser? Schwedenklee war geneigt, sich wegen seines Scharfsinns selbst zu bewundern. „Man braucht nur die Zeitungen zu öffnen, beim großen Gott, welche Sorte von Spitzbuben haust in diesem Berlin! Sie simulieren epileptische Anfälle in der Untergrundbahn, um die mitleidigen Reisenden ungestört ausplündern zu können – sie verfallen auf die unmöglichsten Dinge! Ein Freund übersendet dir ein Billett zur Oper, du gehst hin, und unterdessen plündern sie dir die Wohnung aus.“

„Nein, mein Freund, du bist an den Unrechten gekommen. So einfach ist die Sache mit mir nicht!“ rief Schwedenklee mit überlegenem Lächeln aus. Aber schon klang sein Lachen wieder unsicher, schon wurde er wieder nachdenklich.

Der Ton dieser Briefe! Denn Schwedenklee hatte ja nicht einen, er hatte eine Reihe von Briefen erhalten – seit Wochen erhielt er Briefe! Und diese Briefe waren es ja, die in der letzten Zeit seinen Gemütszustand so sehr beeinflußten. Der Ton dieser Briefe war ohne Zweifel – echt!

„Prüfen wir, überlegen wir,“ rief Schwedenklee eifrig, schon etwas berauscht – „weshalb diese unsinnige Beunruhigung? Wir werden, wenn es nicht anders geht, den Unglückseligen selbst aufsuchen. Ja, selbst, das wird das allerbeste sein!“

In dieser Minute war Schwedenklee außergewöhnlich mutig und entschlossen. Er kam sich in seiner Entschlossenheit fast verwegen vor – beinahe wie Don Juan, der mitten in der Nacht im Friedhof das Standbild des Comturs zu Tische lädt.

„Gehen wir der Sache auf den Grund!“

Aus einem Winkel der Bibliothek zog er einen Stoß Briefe hervor.

Fast überkam ihn wieder Kleinmut. Wozu schließlich? Was kümmerte ihn das Schicksal dieses Unbekannten?

Schwedenklee hatte diese Briefe nie richtig gelesen – nur durchflogen, unwillig, ungehalten – und doch im Tiefsten, ohne ersichtlichen Grund! erschrocken. Drohung des Schicksals ging von diesen Blättern aus und dumpfe Traurigkeit. Sie rochen nach welken Kränzen, und diesen Geruch hatte er noch deutlich in der Erinnerung von der Beerdigung des alten Schwedenklee her. Er haßte diesen Geruch von Moder, er haßte diese Kränze in den Blumengeschäften, mit den Aufschriften in bleicher Silberschrift auf den schwarzen Seidenbändern. Er schloß sogar die Augen, wenn er an einem jener Geschäfte mit den häßlichen plumpen Särgen vorbeiging, deren öffentliche Ausstellung die Polizei, die sich sonst in alles mischt, verbieten sollte. Diese Särge waren in der Tat solch unglaubliche Monstrositäten, daß Schwedenklee sich einmal die Mühe genommen hatte, einige Särge zu entwerfen, die nobel und würdig aussahen, wie sie eigentlich sein sollten. Er haßte wie gesagt alles, was mit dem Tode und den Zeremonien der Bestattung zusammenhing. Vor zwei Jahren war einer der Kartenspieler gestorben, der Doktor Helm, ein Landgerichtsrat, ein sympathischer Mann – einige der Spieler waren zur Beerdigung gegangen, aber Schwedenklee hatte sich wohl gehütet.