Er liebte es nicht, an den Tod zu denken, nein, ganz im Gegenteil, diese Gedanken haßte er! Manchmal erwachte er mitten in der Nacht und mußte daran denken, daß auch er einmal sterben mußte! Diese entsetzliche Stunde wird kommen, so sicher wie etwas – er sah sich liegen, er röchelte noch, eine Pflegerin stand am Bett mit einer Kompresse. Oh, es konnte auch ganz anders sein! Zum Beispiel, ein Autobus konnte ihn auf der Potsdamer Straße zermalmen. Diese Gedanken folterten ihn zuweilen derart, daß er Licht machen mußte. Und doch, die Menschen lebten dahin, lachten, rauchten Zigarren, spielten Billard, tanzten – unbegreiflich!

Aus all diesen Gründen machte er sich hart und gefühllos gegen das Geschick dieses Unglücklichen, den der Schmerz gezwungen hatte, an ihn, Schwedenklee, zu schreiben.

„Nun wohl“, sagte Schwedenklee und setzte sich, ergeben in sein Schicksal, zurecht. „Dieser hier, ohne Trauerrand, war der erste!“

Schwedenklee holte tief Atem.

„Mein Herr!“ Schon diese fahrige Schrift, diese Gespenster von Buchstaben! „Ich fühle mich gedrängt, Ihnen mitzuteilen, daß eine Frau, die wir beide geliebt haben – heute abend nach langem Krankenlager zur ewigen Ruhe heimgegangen ist. Das edelste Frauenherz hat aufgehört zu schlagen. Rosa hielt ein Leben lang die Freundschaft, die sie einst mit Ihnen verband, hoch in Ehren. Es wird Ihnen gewiß ein Bedürfnis sein, der edlen Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Beisetzung findet am Freitag, den 21., statt ... In tiefstem Schmerz – Edgar Blank, ehemaliger Hofopernsänger.“

Schwedenklee las den Brief mit fast der gleichen Verwunderung, Verblüffung, dem gleichen leisen Grauen, wie vor Wochen, da er ihn erhalten hatte. In einer Art von leichter Lähmung hielt ihn der Sessel fest.

Was sagt man dazu? Er war natürlich nicht zur Beerdigung gegangen, wie sollte es ihm in den Sinn kommen – eine ihm völlig Unbekannte! Als er seinen Vater begraben hatte, hatte er sich geschworen, nie mehr einer solchen Zeremonie beizuwohnen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Unvergeßlich war ihm dieser schreckliche Vormittag. Der alte Schwedenklee ließ sich verbrennen. Im Krematorium warteten schon mehrere Parteien, und Schwedenklee geriet, noch heute empfand er die Peinlichkeit, zuerst in eine falsche Gruppe von Seidenhüten. Alle hatten Eile. Dann sank der Sarg in die Versenkung. Der alte Schwedenklee hatte noch im Alter den typischen Kopf eines Maurers gehabt, mit etwas zu langem Schnurrbart, etwas abstehenden Ohren und verwittertem Gesicht. Als der Sarg sank, verwandelte sich, so schien es Schwedenklee, der ganze Sarg in den Kopf des Vaters. Schwedenklee jagte voller Schrecken nach Hause, und noch heute sah er, wie der langsam sinkende Sarg sich in den Kopf des Vaters verwandelte, noch heute hörte er das fürchterliche kalte Klirren der sich schließenden Eisenplatten.

Der zweite Brief des Unglücklichen schilderte ausführlich die Beerdigung der Unbekannten. „Wir haben heute Rosa zu Grabe getragen. Sie sind nicht gekommen! Es hätte die Tote geehrt. Aber vielleicht sind Sie gar nicht in Berlin. Vielleicht hat mein erster Brief Sie überhaupt nicht erreicht! Wir waren nur zwei im Trauergefolge, von den Trägern abgesehen. Ein jämmerliches Trauergefolge – und doch jubelten Rosa früher auf der Bühne Tausende zu – vergessen und einsam ging sie zur Ruhe, und selbst Sie, den sie ihren Freund nannte, sind nicht gekommen ...“

Diesen Brief hatte Schwedenklee vor Wochen, als er ihn empfing, entsetzt zur Seite gelegt, ohne ihn zu Ende zu lesen. Der Briefschreiber verlor sich selbstquälerisch in all die traurigen Einzelheiten: der Regen, der Schmutz, die Grabsteine, der Trott der Sargträger, das lehmige Grab –.

„– ich schäme mich nicht, Ihnen zu bekennen, daß mich der Schmerz übermannte, als der Sarg hinabglitt. Ich schrie und fiel zu Boden ...“