Schwedenklee war erbleicht und wischte sich die Stirn ab. Er ging auf und ab in seinen weichen Schuhen und suchte Beruhigung bei einer neuen Zigarre. Man durfte nicht vergessen, daß ein Unglücklicher diesen Brief schrieb!

Aber Rosa? Ja, bei Gott, wer sollte –?

Vielleicht war es ein Mißverständnis, eine Verwechselung –? Aber nein, nein, in einem der Briefe schrieb der Unglückliche, daß Rosa mit Schwedenklee in dem und dem Jahre in Paris zusammengetroffen sei. Er, Schwedenklee, habe damals im Hotel Panthéon gewohnt. Alles stimmte.

In einem der zuletzt eingetroffenen Briefe drückte der Unbekannte seine Verwunderung darüber aus, daß Schwedenklee sich in Stillschweigen hülle. „Ich habe mir in meinem letzten Brief“, schrieb er, „die Freiheit genommen, anzudeuten, daß ich glücklich wäre – so weit ich es in dieser Zeit sein kann – wenn ich Sie aufsuchen dürfte. Ich habe zwei Wochen vergebens gewartet. Sie zögern, aus welchem Grund? Ich weiß, daß Sie in Berlin sind. Vielleicht erscheine ich aufdringlich. Befürchten Sie nichts. Ich befinde mich in tiefer Not, ich bin ein Bettler, aber nichts läge mir ferner, als Rosas freundschaftliche Beziehung zu Ihnen zu beflecken. Was ich wünsche, ist, einen Menschen zu sprechen, der Rosa kannte, den Rosa liebte – ich wiederhole: liebte!“

Schwedenklee schüttelte den Kopf. Immer wirrer, dunkler schien das Labyrinth. Ein Unglücklicher wollte sich in seinem Schmerze an ihm aufrichten!

Den Rosa liebte –? War es möglich, daß eine der vielen, die durch sein Leben gegangen waren, noch nach zwanzig Jahren seiner gedachte? Daß eine der vielen, die er „in der nötigen Distanz hielt“, für ihn eine wirkliche Liebe empfunden haben sollte?

„Ich werde ihn besuchen“, beschloß Schwedenklee mit feierlichem Ernst. „Morgen – und wenn es morgen nicht geht, spätestens übermorgen.“ Er war plötzlich von schwerer Müdigkeit überwältigt worden. Der Wein, die Zigarren ...

Fast augenblicklich schlief Schwedenklee hinter den hellgrünen Seidenvorhängen ein.

6

Schwedenklee hatte in dieser Nacht verworrene, aber angenehme Träume: Fremde, phantastische Landschaften, transparente Wälder, glühende Meere, fremde, bezaubernd schöne Städte, unwirklich, wie aus Alabaster geschnitten, sonderbare Begegnungen, seltsame Abenteuer, Frauen, bekannte und fremde, eigenartig, aber alle in Tun und Gefühl nach ihm, Schwedenklee, strebend. Er war umdrängt von Zuneigung, von Bewunderung, von Liebe, es war ein großer und einziger Reichtum, man verschwendete sich an ihn. Er genoß diese Bevorzugung, sie schien ihm selbstverständlich, und gerade der Umstand, daß sie selbstverständlich schien, erfüllte seine Seele mit Ruhe und Heiterkeit.