Unergründlich ist das Leben, und auch sein Herz, Schwedenklees Herz, war ein unerforschtes Labyrinth. Weshalb? Weil die Fußspuren schwarz kreuz und quer liefen? Ja, nur aus diesem Grunde! In Paris fällt selten Schnee – aber einmal hatte er Ellen abends nach Hause gebracht, und durch ihre verschneite einsame Straße liefen genau dieselben schwarzen verwirrenden Fußstapfen. Er sah sie in dieser Sekunde, zierlich, in ihren weiten Mantel eingehüllt, klar vor sich, Schneekristalle glitzerten auf ihren Haaren, und aus dem dunklen Gesicht glänzten heiter und lebensfreudig die Augen. Fast zwanzig Jahre lang hatte diese Erinnerung in seinem Kopfe geschlummert.

Fragend, lauschend waren diese Augen gewesen, sie waren bernsteingelb, wenn das Licht voll in sie fiel, dunkel, fast schwarz, wenn sie beschattet waren – Schwedenklee gab sich mit einer gewissen Wehmut der Erinnerung hin, obgleich ihn dieses unerklärliche Schamgefühl im Innersten peinigte. Er hatte sich jedoch nichts vorzuwerfen, o nein, er erinnerte sich sogar, daß er ihr später zwei- oder dreimal noch geholfen hatte, als sie sich an ihn wandte. Sie war damals Anfängerin und hatte noch zu kämpfen.

Plötzlich kroch eisige Kälte an ihm empor. Vielleicht – wer weiß es – schritt ihr Geist in der Tat neben ihm? Schwedenklee war sehr abergläubisch.

„Ellen Fröhlich!“ sagte er leise zu sich, etwas betreten. „Ich habe keine Furcht, an dich zu denken!“

Klar bis in die kleinsten und unscheinbarsten Einzelheiten stand vor ihm die erste Begegnung mit Ellen. Er sitzt an einem kleinen Marmortisch auf den großen Boulevards, zwei Damen, Mädchen, nehmen neben ihm Platz. Sie sprechen deutsch, sie sprechen ungeniert und vergessen ganz oder wissen es nicht, daß auf den großen Boulevards in Paris jeder vierte Mensch deutsch versteht. Ihre Ungezwungenheit entzückt Schwedenklee: die jungen Damen sprechen mit einer gewissen Kühnheit von unschuldigen Liebesabenteuern. Eine hat wunderbar warme und weiche Augen, die offenbar die Farben wechseln, von hell zu dunkel leuchten. Zuweilen streifen diese fragenden Augen, lächelnd, voller Übermut, Schwedenklees absichtlich kühl beobachtenden Blicke. Das ist Ellen Fröhlich! Die Freundin ist eine Schwedin, eine Bildhauerin.

Die jungen Damen gehen. Sie wandern zu Fuß durch die wimmelnden Straßen bis zum Boulevard Raspail. Die Schwedin verabschiedet sich von der Freundin, die in ein kleines Hotel verschwindet. Es ist sieben Uhr. Als sie um neun Uhr das Hotel wieder verläßt – wer tritt ihr in den Weg? Schwedenklee.

„Ein Landsmann, der das Vergnügen hatte, Ihr Gespräch heute nachmittag im Café zu belauschen, bittet tausendmal um Entschuldigung –“

Ihr Blick gesteht, daß sie ihn wiedererkennt. Sie ist verwirrt. Er habe also alles gehört? Ja. Sie bricht in Lachen aus.

„Aber,“ sagt sie – „wie kommt es, daß Sie hier sind?“

„Ich wartete auf Sie!“