„Schwedenklee ist in großer Form!“ Man tuschelte.

Es war Schwedenklee äußerst angenehm, für einige Abende Zerstreuung gefunden zu haben: es war gewiß das beste Mittel, den Hochmut der kleinen Wiedehopf zu beugen, wenn er eine Woche lang nichts von sich hören ließ. Diese Methode nannte er die Methode des „Aushungerns“, im Gegensatz zur Methode der „Belagerung“, die darin besteht, ununterbrochen um die geliebte Frau zu werben, so daß sie – wie Schwedenklee sich ausdrückte – überhaupt „nicht mehr zur Besinnung kam“.

In der Tat, die Methode des Aushungerns schien Erfolg zu versprechen. Fräulein Wiedehopf wurde mürbe, schrieb ein violettes Kärtchen: Weshalb hört man nichts mehr von Ihnen? Sind Sie verstimmt?

O nein, nein, gar nicht verstimmt, gnädiges Fräulein Wiedehopf. Ganz im Gegenteil! In vorzüglicher – ich wiederhole: vorzüglicher Laune.

Zwei Tage beantwortete Schwedenklee das Billett gar nicht. Dann schrieb er einige höfliche Zeilen: gesellschaftliche Verpflichtungen – in einigen Tagen aber würde er wieder zur Verfügung sein.

„Sonderbare Wesen sind doch diese Frauen!“ dachte Schwedenklee, als er nach dem Billardspiel nach Hause ging und den gleißenden Vollmond über den Dächern betrachtete. „Zeigt man ihnen seine Verliebtheit, so neigen sie augenblicklich dazu, ihre Macht zu mißbrauchen, zeigt man Zurückhaltung, so lassen sie sofort wieder alle ihre Künste spielen. Merken sie, daß man sich zurückziehen will, so entdecken sie plötzlich ihre große Liebe. Ja, wie soll man sich bei ihnen zurechtfinden?“

„Heiratet man sie, so ist man vollkommen verloren! Sieh dich doch um, Schwedenklee – die Ehen all deiner Bekannten und Freunde, mit ganz vereinzelten Ausnahmen? Gleichgültigkeit, Untreue, Kampf bis aufs Messer, Lüge.

Ja, wie soll man es anstellen? Etwas ist hier sicher nicht in Ordnung, das Leben ist zu kompliziert.“

Es war gegen Abend etwas Schnee gefallen – der Vollmond brachte die Kälte mit – Schwedenklee steckte das rasierte Kinn wohlig in den Pelzkragen, während er langsam zwischen den hohen Bäumen am Kanal dahinschlenderte. Die Straße war fast menschenleer, nur hinter ihm, in einiger Entfernung, kroch eine hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die zuweilen scharf hüstelte. Die dünne Schneeschicht war an den Sohlen der Passanten haften geblieben, so daß eine Anzahl geisterhafter schwarzer Fußspuren kreuz und quer über die Straße lief, aus dem Unbekannten kommend, ins Unbekannte verschwindend, verwirrend, wenn man sie lange betrachtete.

Plötzlich blies ein kalter Hauch in Schwedenklees Genick, ja, so schien es ihm wenigstens. Er blieb erschrocken stehen und fröstelte. Kalte Schauer überrieselten seinen Rücken. Weshalb mußte er gerade in diesem Augenblick an die tote Ellen Fröhlich denken? Und weshalb hatte die Erinnerung an diese Frau den Beigeschmack einer leisen, unerklärlichen Scham?