Schwedenklee schüttelte den Kopf.
„Der Gedanke wäre unerträglich, daß Verstorbene uns beobachten.“ Er erhob sich sogar vor Erregung.
„Weshalb unerträglich?“ Blank lächelte voller Nachsicht.
„Ja, unerträglich!“ wiederholte Schwedenklee an Stelle einer Antwort und sah gereizt aus. Er ist doch wahnsinnig, dachte er, ganz im geheimen.
Blank schwieg und versank in Gedanken. „Sie war ein Genie der Liebe“, hub er nach langer Pause, als spräche er für sich, von neuem an. „Stellen Sie sich eine Pflanze vor, die täglich neue Blüten treibt, immer schönere, immer herrlichere Blüten – so war sie! Sie konnte lieben, wie nie ein Mensch liebte! Die Liebe machte sie genial, schöpferisch. Denken Sie, sie wachte eine ganze Nacht, saß aufrecht neben mir und sagte am Morgen: ich wollte dich eine ganze Nacht lang atmen hören! Denken Sie: Rosa war eine leidenschaftliche Raucherin. Sie rauchte zwanzig bis dreißig Zigaretten am Tage. Wenn ich aber verreiste, auf ein Gastspiel, und sie konnte nicht mitkommen – all die zwanzig Jahre waren wir zusammengerechnet nicht vier Wochen voneinander getrennt! – so rauchte sie nicht. Das sind natürlich nur geringfügige Beispiele, schlecht gewählt dazu. Tausende solcher Züge könnte ich Ihnen berichten. Sie war ein unerschöpfliches Wunder. Nein, mein verehrter Freund, Sie haben sie nicht gekannt! – Gottlob, sage ich,“ fügte er mit einem eigentümlichen, verletzenden Lächeln hinzu, „denn sonst wären Sie seinerzeit nicht eine Stunde länger in Paris geblieben. Nicht eine Minute!“ Triumphierend rief Blank dies plötzlich mit seiner heiseren Stimme Schwedenklee ins Gesicht.
Schon keimte ein sonderbares Gefühl des Neides in Schwedenklee auf. Und Unmut über das Betragen seines Gastes. Man soll mit Leuten vom Theater nichts zu tun haben, dachte er. Diese Pathetik, diese Theatralik, die Bühne verdirbt den Menschen! Er wurde dunkelrot im Gesicht.
Blank entging diese Veränderung Schwedenklees völlig.
„Rosa erwartete Sie damals!“ fuhr er geheimnisvoll und erregt fort. „Ich sagte Ihnen ja, in der ersten Minute – unvergeßlicher Augenblick! – fiel Ihr Name. Ihr Name war es ja, der rasch eine Verbindung zwischen uns herstellte, erst später begriff ich es. ‚Schwedenklee,‘ sagte sie, ‚oh, Sie kennen ihn? Er wird wohl in den nächsten Tagen ebenfalls hier sein!‘“
„Sie glaubte also, daß ich kommen würde?“
„Sie äußerte diesen Gedanken wiederholt. Aber Sie kamen nicht. Vierzehn Tage lang wurden Sie erwartet. Dann sprach sie nicht mehr davon. Aber ich fühlte deutlich, daß sie litt.“