„Aber Sie sehen ja, daß ich nicht kam!“ rief Schwedenklee, ebenfalls außerordentlich erregt.
„Ja!“ Blank lehnte sich triumphierend zurück. Sein Auge funkelte. „In der Tat, Sie kamen nicht! Sie waren leichtsinnig, Sie ahnten gar nicht die Bedeutung dieser Tage! Sie ahnten gar nicht, daß es um das Glück Ihres Lebens, um Ihr Lebensglück ging –“
„Sie werden mir mehr und mehr unverständlich, Herr Blank“, entgegnete Schwedenklee und zog die Brauen hoch.
„Wieso? Aber ich bin ja der einzige, der ermessen kann, was Sie weggegeben, was Sie verschwendet, was Sie achtlos fortgeworfen haben. Ich! Ich allein! Zwanzig Jahre Glück – wissen Sie, was das bedeutet?“ rief Blank triumphierend aus. „Verstehen Sie, was zwanzig Jahre Glück bedeutet? Als Rosa starb, küßte ich sie, und ich fühlte, wie sie versuchte, mich wiederzuküssen, obschon sie halb bewußtlos war. Ich küßte sie, als sie schon erkaltete. Das ist das Glück von zwanzig Jahren! Verstehen Sie? Ich küßte sie in den Tod. Und wenn ich sterbe – bald! – so werde ich ihr meine Küsse entgegensenden! Das ist das Glück von zwanzig Jahren. So steht es also. Sie sind reich – ich bin ein Bettler und weiß nicht, wovon ich morgen leben soll. Und doch: ich würde für nichts mit Ihnen tauschen, für nichts!“
Hier wurde Schwedenklee wirklich böse.
„Schweigen Sie doch endlich!“ schrie er, indem er aufsprang, rot vor Zorn.
Blank, der sich in der Erregung ebenfalls erhoben hatte, taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück. Er rang nach Atem. Dann streckte er Schwedenklee flehend die mageren Hände entgegen, er rang diese Hände, daß die Finger knackten.
„Verzeihen Sie mir!“ schrie er. „Ich weiß nicht, was ich tue!“ Er war einer Ohnmacht nahe. „Ein Glas Wasser!“ stammelte er, und Schwedenklee sah, daß sich ganz plötzlich Blanks von hundert Fältchen zerknitterte Stirn mit unzähligen kleinen Schweißperlen bedeckt hatte.
Mit zitternden Händen griff er nach dem Glas Wasser. Sein Blick war scheu, Vergebung heischend. Der Blick eines Menschen, der Jahre hindurch sich demütigen mußte – oh, wie abscheulich!
Ja, grausam und unerbittlich sind die Menschen. Ein Mensch mit 39 Grad Fieber kommt zu ihnen – trotz dem Fieber! Sie sind gerührt. Aber wenn der Fiebernde sich nicht wie ein normaler Mensch benimmt, gleich verwünschen sie ihn.