Schwedenklee fühlte sich erleichtert und befreit von einem Schuldbewußtsein, das ihn quälte, ohne daß er bestimmte Ursachen hätte angeben können.
Das Schicksal seiner Mitmenschen, ja sogar seiner Bekannten und Freunde, kümmerte Schwedenklee, der immer mit sich selbst beschäftigt war, nicht allzusehr. Von Zeit zu Zeit hatte er das Bedürfnis, diese Gleichgültigkeit, die er recht wohl als Mangel empfand, durch irgendeine gute Handlung zu sühnen. Er schenkte, zum Beispiel, einer armen Frau, die fünf Kinder hatte, eine Summe Geldes, einen Posten Wäsche und Kleider.
So hatte er Blank heute eine ziemlich große Summe aufgedrängt, um Ruhe zu finden vor peinigenden Gedanken, Reflexionen über die heutige Gesellschaft, Ungerechtigkeit der sozialen Schichtung und andere peinliche Dinge.
Beruhigt ging er zu Bett.
Sein Schlaf indessen war unruhig. Er träumte von Ellen. Sie hatte ihren Koffer gepackt, bereit abzureisen. Er brachte sie in einem Wagen zur Bahn, aber schon angesichts der glühenden Uhr des Bahnhofs befahl sie dem Kutscher zu wenden und zum Hotel zurückzufahren. Später, da stand sie schon im Zuge, der Zug fuhr schon an, aber sie sprang im letzten Moment – zum Erstaunen und Schrecken aller Reisenden, die laut aufschrien – aus dem Zuge. Ich kann nicht, ich kann nicht, schrie sie. Da verfiel Schwedenklee – im Traum – auf einen infamen Gedanken. Er beschwätzte Ellen, daß er mit ihr reisen werde. Sie war überglücklich, und sie fuhren zusammen. Bei der ersten Station verließ er heimtückisch den Zug. Es war eine Station voller Dunkelheit und Düster, und er sah das schöne glückliche Gesicht der Ahnungslosen an sich vorübergleiten.
Hier erwachte Schwedenklee. Er war heiß, unruhig und voller Ängste. Die Nacht war finster und lang. Vielleicht, dachte er, wäre ich mit dieser Frau glücklich geworden? Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich das Glück meines Lebens leichtsinnig fortgeworfen?
Am Morgen erinnerte er sich deutlich an den Traum. Wie sonderbar, dachte er, Ellen reiste in der Tat schwer ab. Wir telegraphierten sogar an das Theater, jetzt erinnere ich mich. Aber ich wünschte, daß sie reiste, denn – ich hatte ja schon eine Verabredung mit ihrer Freundin, dieser rotbäckigen, stupsnäsigen Schwedin – wie hieß sie? – Fräulein Svenska. Ja, leichtsinnig ist die Jugend.
„Welch ein Schuft bist du doch gewesen, Schwedenklee!“ sagte er zu sich. „Und diese Frau hat dich vielleicht wirklich geliebt!“
11
Ellen – Blank – schon nach kurzer Zeit streifte Schwedenklee das immerhin nicht alltägliche Erlebnis nur noch selten in seinen Gedanken. Er hatte die Verbindung mit Fräulein Wiedehopf wieder aufgenommen, und seine Beziehungen zu der jungen Dame waren rasch vertraut geworden, in viel kürzerer Zeit, als er anfänglich beabsichtigt hatte. Er hatte Verpflichtungen, war wenig zu Hause, seine Gedanken waren durch die neue Freundschaft hinlänglich beschäftigt.