„Hier ist jener Brief, den Ihr Vater mir hinterließ. Ich lege ihn hierher, vielleicht haben Sie jetzt Sammlung genug, ihn zu lesen.“

„Danke!“ Regungslos stand Ellen.

Das Leben hat merkwürdige Einfälle, dachte Schwedenklee verwundert und triumphierend zugleich. Ist es nicht sonderbar, daß Ellens Tochter, die wiedergeborene und verjüngte Ellen, bei mir ist? Wer hätte sich das je träumen lassen?

Dank einer Fügung des Schicksals habe ich, ohne mein Zutun, plötzlich eine Tochter bekommen – ein wunderbares Wesen, ein Kleinod dazu – den angebeteten Liebling unglücklicher Eltern ...

Ja, in der Tat, es war das alte Glück Schwedenklees, immer noch folgte es ihm wie sein Schatten. Wie man sich erinnern wird, erhielt er den Titel eines „Oberbaurats“ vom Oberkellner des Cafés, ohne jede Anstrengung – ohne jedes Verdienst hatte ihn das Schicksal plötzlich, gänzlich unerwartet, mit einer Tochter beschenkt.

Schwedenklee war ganz erfüllt von seinem Glück. Als Blank, dieser gute, arme Blank, dachte er, mir seinerzeit auflauerte, ahnte ich damals nicht, daß diese merkwürdige Begegnung eine besondere Bedeutung für mein Leben haben wird? Wie? Und Blanks unverständliche Bemerkungen, Anspielungen, seine prüfenden Blicke – ja, nun verstehe ich alles. Sie ist in guten Händen bei mir, teuerster Freund – unwillkürlich hatte er Blanks Tonfall nachgeahmt, als er „teuerster Freund“ sagte.

Schwedenklee hatte die Briefe, die ihm Schwester Anna als ein Vermächtnis Blanks in der eisigen Küche überreichte, schon flüchtig durchflogen. Nun aber war er in der ausgeglichenen, ruhigen Verfassung, sie genauer zu lesen.

Es waren im ganzen sechs Briefe, kürzere und längere, die er an Ellen von Paris aus geschrieben hatte. Er erkannte seine Handschrift wieder – seine Handschrift vor zwanzig Jahren –, heute schrieb er etwas kräftiger und klarer.

In dem ersten Briefe nach Ellens Abreise schrieb er ihr, daß er in ihr Zimmer gezogen sei (im Hotel Panthéon) und daß sie gegenwärtig sei in Möbeln und Wänden und tausend kleinen Dingen.

Es lag ja so nahe, dies zu schreiben! Aber, sagte sich Schwedenklee, welch bodenlose Verlogenheit! Um 9 Uhr abends reiste Ellen, ich weiß es noch genau – um 10 Uhr speiste ich mit Fräulein Svenska, mit der rotbäckigen Schwedin, in diesem Zimmer – und am nächsten Morgen schrieb ich diesen Brief.