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Schwedenklee hatte sich völlig verändert. In all den Wochen von Ellens Genesung hatte er kaum das Haus verlassen. Ins Stammcafé kam er nicht mehr. Man wunderte sich. Gerüchte schwirrten. Ein Stammgast berichtete, Schwedenklee habe in einer Nacht, da er aus dem Café kam, eine junge Dame – eine Lebensüberdrüssige – aus dem Kanal gezogen und zu sich ins Haus genommen.

Er wies auf eine Notiz hin, die in den Zeitungen erschienen war. Architekt S. rettete eine Lebensüberdrüssige, die aus Liebeskummer in den Landwehrkanal sprang.

Kurzum, Schwedenklee erschien nicht mehr im Café, und eine Woche später war er schon vergessen: ganz als ob er tot wäre.

Schwedenklee holte seine großen Mappen aus der Bibliothek. In der Bibliothek befanden sich besondere Schränke, und in diesen Schranken standen die Mappen, die er vor Jahren hatte anfertigen lassen. Es waren zehn graue Mappen, herrlich gebunden – manche enthielten gar nichts, manche enthielten ein, zwei Skizzen, andere mehrere. Die Mappe „Fabriken“ war besonders umfangreich, die Mappe „Warenhäuser“ ebenso. Die dickste Mappe hatte die Aufschrift „Städtebau – Verkehr“.

Über diese Mappe gebeugt saß Schwedenklee in all den Nächten, da er den Schlummer Ellens bewachte.

Vor Jahren hatte er sich, man wird sich erinnern, mit verkehrstechnischen Problemen Berlins intensiv beschäftigt. Es waren seinerzeit sogar einige Notizen darüber in den Zeitungen erschienen. Es gab in Berlin ein halbes Dutzend Bahnhöfe: die Bahnhöfe der Stadtbahn, den Lehrter Bahnhof, den Potsdamer, Anhalter, Schlesischen Bahnhof – es war, mit einem Wort, ein völliges Durcheinander.

Schwedenklee aber hatte in der Arbeit vieler Jahre eine Lösung gesucht und gefunden: von jedem beliebigen Punkte Berlins aus sollte man bequem jede Reiseroute antreten können!

Schwedenklee plante einen Riesenbahnhof, der gegenüber dem Reichstagsgebäude, mitten im Tiergarten, gelegen war und, über und unter der Erde, im Zusammenhang stand mit sämtlichen bereits vorhandenen Bahnhöfen.

Dieses interessante Problem fesselte ihn von neuem. Es schien ihm noch schwieriger, noch interessanter geworden zu sein. Ganze Nächte hindurch zeichnete er. Er plante die Veröffentlichung einer Broschüre, die Berlin, die Behörden verblüffen sollte.