Am ersten Tage hätte Schwedenklee nahezu die gute Laune verloren: die Mahlzeiten schienen ihm etwas sehr ländlich. Augusta ging mit Tränen in den Augen, fiebernd, aufgelöst, in der völlig kahlen Küche hin und her. „Es ist ja nichts da, gar nichts da!“ sagte sie. Ellen hatte sich eine von Augustas Schürzen umgebunden und versuchte durch ihre Munterkeit Augustas Verzweiflung zu verscheuchen.
Am nächsten Tage fuhren Augusta und Ellen zur Stadt, um einzukaufen. Bepackt mit Töpfen, Schüsseln, Kochlöffeln, Sieben, Porzellan, Gläsern kehrte der Wagen zurück. Augusta strahlte.
Auf Siebenbirken lebten der Bauer mit seiner Familie, ferner zwei Pferde, drei Kühe, ein Rudel Schweine, etliche dreißig Hühner, einige Familien Gänse und Enten. – Es gab einen Hund, eine Art Schäferhund, fahlgelb mit dunkelgrauen Rückenhaaren, mit Namen Strolly. Diesen Hund hatte Schwedenklee aufgezogen, zur Zeit, da er baute, und obschon er nur zwei-, dreimal auf das Gut zurückgekehrt war, hatte der Hund ihn wiedererkannt. Das rührte Schwedenklee. „Strolly“, furchtbar bissig und rasend allen Fremden gegenüber, war liebenswürdig, untergeben, sittsam und von äußerstem Entgegenkommen gegen Freunde. Schon am ersten Tage war er zu Ellen übergegangen, obschon ihn sein Feingefühl hinderte, es allzu deutlich zu zeigen. Sooft er Schwedenklee sah, tat er so, als ob er ihm die gleiche Anhänglichkeit bewahrt habe. Sobald aber Ellen nur sichtbar wurde, zeigte sich offen seine Heuchelei.
Es gab einen schwarzen, dicken Kater, Munki, der es liebte, sich auf den Schultern spazierentragen zu lassen, ein menschenliebendes Tier, das sich an den Beinen rieb, sobald man sich zeigte. Dick, befriedigt, glücklich saß der Kater auf Ellens schmaler Schulter. Am dritten Tage schon war auch er zu Ellen übergegangen.
Es gab eine Stute „Lotte“, die – ein Phänomen – mit der Zunge eine Türklinke hob, sobald sie neben dem Pferdestall Stimmen hörte.
Es gab zwei Hähne, einen dicken alten, mit in hundert Schlachten zerzausten Federn, und einen jungen – schlank, graziös, mit den Bewegungen eines Fechters –, die sich wie Teufel bekämpften. Zuweilen wurde der jüngere von dem alten bis tief hinein in den Wald gejagt.
Es gab ein kleines Schwein, das zärtlich war wie ein Hund und sich gerne den Kopf graulen ließ. Das waren die Besonderheiten von Siebenbirken, sonst war es ein Landgut wie jedes andere. Nicht zu vergessen eine Gans, die – ein Einzelgänger, nicht auf dem Hof gebrütet – von den übrigen Gänsen verleugnet und gehaßt wurde und den Menschen wie ein Hund folgte. Sonst wie überall: Geschrei, Gegacker, Lärm, Blöken, und die Jauche rann aus den Ställen in den großen Misthaufen des Wirtschaftshofes.
Beglückt beobachtete Schwedenklee, daß Ellen auf dem Gute auflebte. Vom Morgen bis zum Abend war sie unterwegs in Ställen und Scheunen. Munki, der schwarze Kater, saß auf ihrer Schulter, Strolly sprang ihr bis an die Ohrläppchen – und sie zankte den fetten Hahn aus, der sich gegen den jungen, den sie „Spanier“ nannte, albern und eifersüchtig benahm. Die Blässe ihres Gesichtes verlor sich, zartrotes Geäder erschien auf den Wangen. Ihre Stimme zwitscherte fröhlich.
Nur dann und wann saß sie in sich versunken abseits, den Blick gequält in die Ferne gerichtet. An diesen Tagen sprach sie nur selten, leise, die Stirn zerknittert. Ihr Blick war verschleiert von Schwermut, die Gedanken ferne.
Ein Zittern durchrieselte sie, wenn man sie berührte. Abends brannten dann zwei Kerzen in ihrem Zimmer, und am Morgen erschien sie bleich, verstört, mit geröteten Augen. Aber immer seltener wurden diese Anfälle schwerer Traurigkeit, die Schwedenklee, besonders anfangs, sehr beunruhigten.