In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her, während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.
Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? — Und hier stand ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist „sie“? Kennt ihr „sie“? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.
Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?
Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.
Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und man prophezeite ihm eine große Zukunft.
Und dieses Mädchen . . .
Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt. Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der Boden wogt.
Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den elfenbeinernen Tasten.
Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.
Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den Elfenbeintasten.