Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.
Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den Rücken gedreht hatte.
Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.
Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte.
In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden, die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten.
Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen, blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.
Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer und Götzen überwunden.
Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu schleudern.
Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte.
Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr vorwärts oder rückwärts ging.