Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.

Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von Licht über Häuser und Menschen werfend.

Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.

Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.

Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle, selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen, einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.

Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.

Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll. Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.

Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche Leute hätte er gerne angesprochen.

Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen klingen zu hören, als sie sich ansahen.

Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm redete.