Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage. Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten.

Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend, und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt. Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.

Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte, wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was ich noch fragen wollte, einzuleiten.

Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.

Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an der Kante des Gesimses entzweischlagen.

„Zum Abschied“, sagte Ginstermann, „sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.“

Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder Grazie bekannt: „Herr Ginstermann — Fräulein Bijou.“

Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.

Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren, eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.

Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.