Es war sieben, noch nicht sieben.
Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.
Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.
Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe, ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.
Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen. Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden Blättern.
Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war, geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.
Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern, ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann, der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose, keine Sekunde stillestehende Maschine.
Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal, das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl, das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses Rendezvous mit einer jungen Dame.
Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet war.