Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen . . .
Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.
All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich gut ging, zwei Monate lang.
Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre Augen zufällig darauf fallen konnten.
Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder, die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.
Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren, schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.
Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend, und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland seiner Seele schimmerte.
Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine wegzuziehen.
„Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,“ sagte Ginstermann, „ich fühle mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.“
„Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!“