Er gedachte Agai’s: der „Gewalt der Brandung“, und ihrer Stellung im Hause Elcho.

Es gab doch auch in Europa Erzieherinnen. Da war gleich dieses Frauenzimmer bei Beermanns. Wozu hielt man das? Doch nicht etwa nur zur „Schule der Geläufigkeit?“ Zu diesen scheußlichen Klavierübungen mit der Jüngsten, wie sie diesem Kinde und allem Lebenden in der Runde jede Lust am Klang zerhackten auf lange hinaus? Da, mit Ausnahme des Fräulein Erika Unbehagen, fast alle Erzieherinnen Französinnen waren, hatte er eben gemeint, diesen sei in Europa die Funktion der Suaheli anvertraut.

Und dann die Männer? Junge vermieden offenbar überhaupt, Ehen einzugehen. Aber die bereits Verheirateten. Warum nahmen die nicht das eine oder andere dieser armen Mädchen noch in ihren Harem? Mehrere Frauen hatten sie ja so schon, für elementare Beziehungen zwischen den Geschlechtern war ihm der Sinn untrüglich. Mochten die Frauen eines Mannes noch so kühl zueinander tun oder, wie die zweite Mrs. Beermann, gar in einem anderen Hotel wohnen.

Doch frug er nie. Hatte die Scheu des orientalisch erzogenen Mannes vor allem privaten Leben, vor allen Dingen der Innerlichkeit. Was sich ihm nicht — wie heute — optisch unwillkürlich bot, ließ er unbefragt an sich vorbeistreichen, sah auch wohl mit Absicht weg.

Eine Stille weckte ihn aus sich. Er fühlte seine übergeschlagenen Beine und eine Wange in der Hand. Die jungen Damen waren fort, und Helena Petrowna verschwand eben am Arm eines greisen Riesen aus der Hall. Hinter ihnen ging ein zweiter Herr in gut sitzendem Abendanzug und vielen Orden. Jetzt wandte er sich um. Der Riese war offenbar der Großfürst. Vom andern sah man nicht eben viel — auch jetzt en face. Scharfe Brillen über den Augen und von diesen niederrieselnd in dunkelblonden Wellchen ein überaus wohlgepflegter Denkerbart. Die Stirn schien einmal schlecht zusammengefaltet worden zu sein. Die Büge wie in der Mitte zerbrochen, und die zweite Hälfte setzte dann immer um ein Stückchen höher ein. Arme Fürstin.

Die Fürstin aber schien an diesem Abend gar nicht arm. Nein, ganz große Dame, Kaftan und karierten Schlapfen zum Trotz.

Man speiste ausnahmsweise zu dritt im Grillroom auf Helena Karachans Anordnung. Keine Glaswände dichteten die Herrschaften ab, und ihre Worte gingen, ohne von submissesten Grenzen gleich wieder in sie selbst reflektiert zu werden, rundum weg von ihnen, wie bei andern Leuten.

Zum ägrierten Staunen Eingeweihter verlief das dinner annähernd klaglos, mit Ausnahme eines passageren Zwischenspiels: man sprach von Musik. Zu Ehren des Großfürsten — eines Getreuen aus dem alten Bayreuther Kreis — verfiel Simon plötzlich in leicht gesteigerte Diktion:

„Mir und meinen Fachgenossen gilt Parsifal im wesentlichen als Symbol des heroischen Kampfes der Wissenschaft gegen die Lues, ja, wenn ich so sagen darf, handelt es sich bei dem Weihefestspiel ausschließlich um das Mysterium dieser Lustseuche, wie sie Amfortas sich unvorsichtigerweise, an verrufenem Ort, bei Tänzerinnen und Blumenmädchen geholt hat. Letztere gehen ja auch, wie sie selbst zugeben müssen, in kürzester Zeit an ihrem Beruf zugrunde: Im Herbst pflückt uns der Meister.

„Wenn nun auch die eigentlichen Symptome von Wagner — der eben doch nur Laie war — am Patienten nicht einwandfrei geschildert werden, immerhin, daß sich die Wunde absolut nicht schließen will, gibt zu denken. Natürlich,“ er lächelte nachsichtig, „sind laue Bäder da völlig zwecklos. Aber sehen Sie wiederum die treffliche Symbolik des Speeres: die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug — Serumtherapie. Parsifal muß von den Infizierten selbst das Heilmittel bringen, sozusagen musikalisch die Lymphe, wobei man den Speer als primitive Form der Spritze mag gelten lassen. Das Ganze ist natürlich nur als musikalisch-dichterische Vorahnung zu werten, die glorreiche Erfüllung der Vision war hier wie immer den Leuchten der exakten Forschung vorbehalten.“