„Durch Versailles, die Möbellager aller Louis im Louvre ging ich jüngst noch fassungslos. Jetzt sehe ich auch den französischen Barock ein: Stil der auf ‚Mätresse‘ erzogenen Hausmeisterstöchter. Die Herrenkaste, durch Irrenbräuche, Raufhändel und Seuchen zu müd, um noch auf Wertungen zu halten: Noblesse — Gemeinheit, alles gleich. Ließ ihr Seigneurales überklatschen vom Luxusbegriff der proletarischen Bettweibchen aus den Kloaken, für die viel Überflüssiges haben — ‚vornehm‘ sein bedeutet.

Das sehe ich alles ein. Was ich aber nicht einsehe, ist, daß Privatdozenten daherkommen, Kunstkenner, Snobs und als ‚höfisch feine Blüte‘ bestaunen, was Paradigma dafür, wie sich eine europäische Straßendirne den Reichtum vorstellt. Eine europäische, wohlgemerkt, weil — und darunter leiden wir Asiaten hier am meisten — der Akzent gepflegter Armut fehlt: Armut als selbständige, formenschöpferische Qualität; so bleibt auch Reichtum in Europa immer nur eine glücklose Blase über Seelenschmutz.“

Und da geschah es, daß Gargi auf einmal ein ganz klein wenig zu lächeln begann und Horus überaus rot ward. Er hatte zum ersten Mal seit Jahren wieder „wir Asiaten“ gesagt, nicht mehr: „wir Europäer“.

Er lenkte ein:

„Meinen Sie bitte nicht, ich sei blind gegen die verzeichnete Anmut etwa der ‚dame à la Licorne‘, für den falschen Galoppsprung des Rappen auf Carpaccios Drachenkampf, auch sehe ich, wie etwas, sie nennen es Gotik, aus verworrenen Wurzeln seinen gigantischen Clownismus gegen den Geist des Steins durchtrotzt, denn warum sollte einer verworrenen Seele nicht auch gestattet sein, sich verworren auszudrücken? Sie hat ein Recht auf die Fehler ihrer Echtheit. Was aber der Renaissance abgeht, ist diese Inbrunst im Danebenhauen. Sie macht es mit dünnem Zirkel in Architektur, in Plastik mit kaltem Muskel — und in Malerei: nun, ich fürchte, in wenig Wochen schon so gut zu sehen, daß ich einen echten Raffael nicht mehr von seinem Öldruck werde unterscheiden können.

Wo eben in Europa die Verworrenheit endet, fängt schon der Gähnkrampf an. Kann sich die Seele hier denn immer nur als Wahn betätigen? Pausiert aber der Wahn, bleibt eine gewaltsame, unsolide und leere Freiheit irgendwo am Grund der Lenden, wo bisher gehetztes Irrsein schwoll.

Nie noch sah ich hier den Finger des Geschlechts frei auf die Seele weisen. Nie: Ethik von unten. Aus den Zellen der Generation geboren, somit Basis der ganzen lebendigen Pyramide. Immer Glassturz aus der Höhe über einer ewig rebellierenden Masse aus Blut und Gestank oder — Hoffart, Leere und Langeweile.

Als hätten stets nur begabte Krüppel — irgendwie zu lang Eingesperrte und doch wieder zu früh Freigelassene — alles Wichtige Europas, so auch die Kunst in Händen gehabt.“

Gargi meinte:

„Doch auch bei uns, auch im Osten sind Tempel, Statuen, Bilder barbarisch, unwert unsres Lebens.“