In bitterem Bedauern ging die Fee Peribanu in Padua an den Giottos vorbei. Nur sie hatte gesehen, daß zwischen den langen, spiegelnden Lenden von edelster Enge ein Kind wuchs.

In Rom sagte der verblüffte Dr. Hafis, getroffen in seinem Europäerdünkel:

„Man muß sich eben historisch einstellen auf Werke der Kunst.“

„Einstellen,“ das hieß: sich immer ein bißchen wilder, oder schäbiger, oder ungerechter, oder einfältiger gebärden müssen, als man wirklich war.

Hieß: auf einer Seite ganz klein geduckt, sich auf der andern gleichzeitig einen Buckel tolerieren.

Hieß: irgendwie Barbarei — geleckten Kitsch — prahlendes Ohngefähr, wohlwollend übersehen zum Genuß.

Hieß: irgendwo besseres Wissen — klarere Einsicht — größeres Empfinden trüben; nicht Distanz, eine Froschperspektive gewinnen, um schätzen zu können, denn es gab hier nur partiellen Rausch.

Er fühlte: es ziemt mir nicht oder besser: es ziemt meiner grenzenlosen Ehrfurcht vor der Kunst nicht, daß ich mich limitieren müsse — in sie kriechen — statt mich zu recken in ihr Maß. Daß sie Stil werde durch das, was fehlt: durch irgend Irrsinn, Unreife, Fetischismus oder Leere. Nicht durch ungeheuren Runddruck der Vollendung, ihr nur eigner zarter oder machtvoller Verdichtung der Welt. Stil: lediglich Überlappen nach der einen oder Schrumpfen nach der andern Seite, und hätte doch Erschütterung des Betrachtenden aus seinem Maß heraus zu sein, auf daß er alle Kräfte überspannen müsse nach dem Unsäglichen hin, es ausblühend rings zu umfassen.

„Man muß immerhin bedenken ...“ Dr. Hafis machte die fade „tout comprendre“-Geste des vor Wisserei Verblindeten.

„Ich ‚bedenke‘ ja gerade, was Sie, Herr Doktor, mir in diesen Wochen an europäischer Kunstgeschichte zu lesen gaben, und darum sehe ich erst recht das Menschenfresserische dieser Renaissance-‚Pracht‘ ein: ihre optische Unreinlichkeit bei aller Reißbrettkälte, die billige Art, wie Übergänge, Fugen, Ecken als Probleme einfach ignoriert werden: diese ganze Kulissenreißerei an Sonnenuntergänge gelehnt; sehe ihre Palazzi ein, als das, was sie sind: Parvenuebuden für soldateske Raubbankiers à la Medici — optisch zu unerzogen, um sich ihre Künstler zu ziehen — ohne Sinn für Heimkultur, und sich in ihren Wohnstätten eben begnügend mit Menschenfresserprunk, weil sie ja nebenbei an einem Vormittag immer noch drei Kardinäle zu vergiften hatten und einen Kaiser zu betrügen.“