Da ging ich.

Von rückwärts ins Raubtierhaus, wo auch Affen, Schildkröten und weiße Mäuse sind. Mit mir trat der Wärter ein. Kaum witterten ihn die drei Herrlichen draußen, kamen sie hereingestürzt. Der mittlere Löwe steht still im Tor, zwischen seinen Beinen den untergehenden Sonnenball, und die Mähne von rückwärts durchleuchtet, daß sie förmlich knistert vor Gold.

Da hab’ ich ihm alles abgebeten, auch das mit dem ‚Giletteapparat‘ zum Geburtstag. Jetzt weiß ich ja erst, was eine Mähne sein kann und wie sie gesehen gehört.

Ruhig hielt der Wärter seinen ganzen Arm in den Käfig. Da legte sich der Herr der Mähne genau so auf den Rücken, streckte die Beine zum Himmel und den Bauch unter die liebkosende Hand, wie unser kleines rosenpfotiges Kätzchen seinerzeit in Chamonix — gepriesen sei sein Andenken.

Und dann zwängte der Wärter seine Wange durchs Gitter und der Herr der Mähne leckte sie inbrünstig und schmiegte seine Wange daran ... und so blieben die zwei.“

„Und so blieben die zwei.“ Eine tiefsaugende Männerstimme fing die Worte, trank sie nachschmeckend, schwoll warm am Gewonnenen — schwieg dann. Durch die Stille ging jene Umschichtung der Luft, als würden nebenan lautlos Plätze getauscht, Lebendiges anders verteilt. Nun lag einen Augenblick die dunkelhäutige Wange der Ganz-Weißen an. Wie mit Seidenfäden eine gespannte Marionette, hing Horus am Drüben: wußte alles durch den gebogenen Plüsch der Lehne — durch Wand — und wieder Lehne strahlengrad hindurch.

In Padua riß der Schaffner einen Augenblick die Nebentür auf. Nun sah er als Bild, was jedes Glied ihm einzeln längst ins Aug gesagt: reiherschmal, ganz in silbergrau, saß sie langhin eingeritzt in ihre Ecke, daß Raum blieb für die quergestreckte, schlummernde Gestalt, deren Kopf in ihrem unfaßbar schmalen Schoß — schmaler wie er — gebettet war. Ganz große, fremde Dame, trotz scheinbarer Formlosigkeit einer Situation, der Hitze und Einsamkeit auch so das Befremdliche entzog, doch mehr noch die geschlossen scheue Ferne, mit der die Mondstrahlen ihrer Schenkel, die langen Hände in den grauen Schweden an diesem Männerkopf vorüberflossen, als wäre er Statue und Stein. Nur ihre Züge aus Eis und Honig waren unbehütet geblieben. Die einsamen Augen legten sich über ihn, weideten götterfrei auf dem dunkelhäutigen Greifengesicht, das sie betreuen durfte, voll rührend befiederter Erwartung eines namenlosen Glücks.

Geisterhaft unhaltbarer Duft nie wiederkehrender Einzigkeit war um diesen seligen Augenblick. Hellrunder Tropfen Gottes hing er aus allem grauenhaft Verfließenden herausgeschöpft und leuchtend da. Durch ihn: das Keusch-Einmalige seines wolkenlosen Glanzes hatte er: der Fremde, mehr Teil an dieser Fremden als durch die Liebe des zwillingsbrüderlich Geliebten eines ganzen Lebens.

Der großgewellte Greifenkopf in ihrem Schoß aber floß draußen in Schlaf an dem ewigen Augenblick vorbei — in sich versteint — war nicht mit in dem, was an ihm entstanden war.

Horus blieb auf dem porösen Bimsstein-Perron der kleinen Stadt zurück. Abends würde sein Weg wieder die Schleife nach Süden ziehen. Nordwärts an ihm vorbei fuhr der Wagen mit dem Elf von einem großen Stern.