Dann noch leiser, wie eine Inkantation, ein feuriges Gewebe, jedes Wort kennerisch setzend und genießend:
„Mein nobles, langes, schlankes, schlangenanmutiges pala d’oro-Wesen.“
Horus ließ den Ledervorhang fallen. Schied sich diskret von dem Stromkreis drinnen.
„Falsch,“ fühlte er.
„Nicht pala d’oro-Wesen. Denn noch niemals konnte sie da sein. Ihr Kanon erfließt aus einer kühneren Ordnung der Materie, aus eignem eigensinnigem Gesetz. Erst seit der Planetengeist durch Schwebebrücken, durch zart ragenden Stahl zu uns spricht, ist sie als Körper auch nur möglich, die Weißeste der Weißen, die schlichthin Neue: St. Elmsfeuer aus den Spitzen alles Bisherigen. Fern ragt sie auch über die Schönheit weg, die noch nicht bis zu ihr gelangt, sie noch nicht einzuholen vermocht.“
Und er blies wie reifen Löwenzahn das Wesen der Pallas und Nausikaa von seiner Seele. Ganz Geburtstagskind wieder. Und tat — als ein Wissender — jedes Wollen und jede Willkür von sich ab. Er würde sie nicht suchen; hatte zuviel Ehrfurcht vor dem großen Finden. Das sollte vom Rang jener Dinge sein, die hoch über Einsicht und Bestimmung des Einzelnen hinaus, einem geheimnisvollen Kräftespiel überantwortet zu bleiben haben, oder sie sind nichts. Nur den Vorhang berührte er noch einmal mit jeder Pore seines Körpers und war irgendwie getrost. Hatte ja die Fee Peribanu zur Lieblingsfrau, und eine Fee ist lauter Gabe und deshalb so überaus mächtig, weil frei von Furcht, daß man ihr etwas raube; wer aber könnte das, da sie ja selbst lauter Gabe ist?
Als Mittagssonnenstaub in den schmierigen kleinen Waggon auf der Strecke nach Padua hereinbrannte, kam von nebenan eine Stimme. Die Stimme. Erst wortlos leuchtend. Jünglinghafter Vogelton über einem dunkelerregten Grunde. Auf eine Frage hin zitterte sie zu Klarheit, setzte Worte wie Kristalle an; ward ein kleiner Bericht — Alltagsvorgänge nach einer Trennung — vielleicht in einer deutschen Stadt — Besuch eines „Zoo“. Die Stimme griff Tiere heraus, ründete Bilder mit jener neuen Kinderkraft am andern Ende des Wissens, wie sie Diana Elcho eigen gewesen. Er horchte all seine Adern entlang. Ganz verspielte Worte kamen getanzt auf seinem Blut, einten sich, flossen honigfarben dahin: ... „und es war sommerlich warm zur Stunde der Löwenfütterung — ganz sonnig — die lieben Großen draußen in ihrem dreigeteilten Raum. Die schöne, starke Löwin schmachtete hinüber zu dem jungen afrikanischen Löwen mit der etwas pauvren Hinterhand; aufrecht stand sie am Gitter, kratzte kläglich und ununterbrochen. Da kam er ganz nah, legte und preßte sich gegen die Drahtmaschen, so daß sie ihn wenigstens streicheln und ein bißchen durchlecken konnte — auch seine intimeren Teile — und hub ein gigantisches Geschnurre an, daß der Boden zitterte; prachtvolle Sehnsuchtslaute dazwischen, daß einem das Herz schlug! Wenn man sich dagegen so eine christliche Ehe vorstellt!
Das Publikum starrte verständnislos die seinem Instinkt so fremden Vorgänge an. Von Mitgift war auch nichts zu sehen, so schwoll der allgemeine Unwille: ‚Die grauslichen Bestien — die Falschen!‘
Und auch die rotznasige Brut echote schon zwischen Trenzen und Nägelkauen zur Wonne der Alten:
‚Die grauslichen Bestien — die Falschen‘.