Ging es einem Hindu schlecht, umgab ihn immer noch Distinktion der Gebärde, Zartsinn, Niveau der Kaste, durch die das Individuum mehr — schon dem Typus nach mehr ist — als es aus sich selbst zu sein vermöchte. Arm sein hieß daher nur: Form der Gesittung tauschen.

In Europa aber hieß es, dank diesem sadistischen Wohnzwang, wirklich in der Hölle sein: bis zum Tod eingesperrt leben mit Roheit, Bosheit, Intoleranz und Gekeif, umlauert von hämischer Neugier. Hieß statt süßer Kinder falschgeworfene, verzogene, gröhlende Mißgeburten haben, hingesudelt im Fuseldunst, denn nie könnten klare Sinne den Ekel vor erotisch so ungepflegten Weibern, wie sie dem Armen hier einzig zur Verfügung stehen, überwinden.

Hier ohne Geld sein, hieß also für einen Menschen von nur durchschnittlichem Feingefühl: Selbstmord. Nicht Entbehrungen der Armut, des Niveaus der Mitarmen wegen. Denn so etwas wie einen entrassten europäischen Mob, das hat ja die Welt noch nicht gesehen, hat es nie und nirgends noch gegeben! Lag es an Löhnen? Lebenshaltung? Keine Spur. Gab doch das Volk hier nebenbei für Alkohol und Tabak täglich mehr aus, als ein Chinese für den Unterhalt einer ganzen Woche. Der kroch morgens aus seinem Kanalloch, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen und war doch ein Wesen an Courtoisie und Herzenshaltung von den Höchsten seiner Rasse, einem Li-Hung Tschang etwa, nicht gar zu sehr verschieden, übte wie sie die Selbstzucht eines komplizierten Zeremoniells, lebte wie sie das „Buch der Riten“ und die „Religion des guten Bürgers“. Lag es an psychischer Qual? Beweis, daß diese europäische Masse nicht wirklich litt, war ihre Taktlosigkeit: erste Frucht des Leidens ist der Takt.

Eine unbegreifliche latente Bosheit bildete hier durch alle Schichten hindurch Knoten, um gelegentlich an der Stelle geringsten Widerstandes durchzubrechen: dem Sehen.

Aber warum sahen sie nicht? Warum waren alle am hellsten Sinn verkümmert, aus dem die Liebe erfließt und die Vision? Konnten Hose von Rock nicht unterscheiden, echt von unecht, Kunst von Kitsch, fielen und legten einander rastlos wechselseitig optisch herein.

Gargi, die nie Fragende, hatte einmal schüchtern gemutmaßt.

„Ist es ein Gelübde?“

Meinte den ersten Backenzahn, den die meisten golden trugen, neben vorderen Porzellankronen.

Nein, sie glaubten eben, man sehe das nicht, weil der Zahnarzt, der auch nicht sah, es beteuerte. Ein Blick hätte das Gegenteil erwiesen, aber es war eben kein Blick da. Anfangs konnte er in Paris immer wieder über die schleierlose Roheit erschrecken, mit der Menschen in Sehweite übereinander medisierten, vermeinend, das merke sich nicht, außer Hörweite zu sein genüge. Lang hatte er gebraucht, um an solch optische Verstumpfung faktisch glauben zu können. Alles was die Europäer in ihrer Biologie von den niedren Tieren behaupteten, war wirklich ganz richtig — auf die Behaupter selbst angewendet. Reagierten auch so automatisch mechanistisch, wie sie es den Amöben zuschrieben; auch ihre Fundstelle (das Heim) der einzig völlig reizlose Ort, wo sie ihr Futter fanden.

Hing mit dem flächlichen: oberflächlichen Sehen nicht auch die Überschätzung des „Malerischen“ hier zusammen? Welt der niederen Tiere, die sich in verschieden belichtete Flecke auflöst; noch nicht aufgestiegen in die dritte Dimension. Daher vor allem der Hang ihrer überkleideten konturscheuen Weibchen zur palettenumschweinzten Aura. Dieser ewige Kunstschwatz und in Bilderausstellungen Rennen der Europäerin, was sie gar nichts anging, statt was sie unmittelbar angehen sollte zu beherrschen: die Raumschöpfung des Heims. — Schaukraft fehlte eben: Durchschauung des dreifältig Gefügten: Architektur.