Ein goldnes Kettenarmband klirrte erledigend an der ganz verkrümmten Hand. Der restliche Körper hing: ein gerunzelter Strick, an den Enden mit Gicht verknotet, im Sessel. Hinter ihr stand ein erloschener Mensch mit geduckten Augen: der zweite Sohn und nunmehr Inhaber der Fabrik. Ihm schien auch die zerpatschte Frau daneben mit den drei kleinen Kindern anzugehören. Das älteste, einen schweren Bleichkopf im Phantasie-Matrosenkostüm aus Satin, hielt sie zwischen den Schenkeln aufgepflanzt, memorierte angstvoll etwas Gereimtes mit ihm und es zupfte an seinen Nagelwurzeln. Jetzt hatte es zu tief geschält, heimlich wischte der blutende Finger über den weißen Seidenslips.

Nun trollte sich Oskar Samossy, fast ebenso verdonnert wie das satinene Kind, hinter den Greis aus Stein und Wasser. Und beide Brüder schoben die elterlichen Rollstühle an die Têten der Speisezimmertafel.

Drei Menus wurden gereicht — nacheinander. Das erste wie es der Gründer der Fabrik anfangs gehabt: dicke Suppe, Erbswurst, Käse. Dazu Bier. Beim zweiten, dem 25jährigen Bestand entsprechend, erschien schon Fisch, Kalbsbraten mit Salat und eine süße Speise. Dazu leichter Mosel. Das dritte endlich zeigte voll und ganz, was man sich der heutigen Bilanz entsprechend leisten konnte, durfte und sollte. Begann mit Austern und wollte schier kein Ende nehmen an primeurs und durablen Weinen. Vom sechsten Gang mit Champagner aufwärts, stand immer jemand auf, der nicht stehen konnte, und sprach, ohne sprechen zu können: etwas, das man sich wohl würdig, witzig oder feierlich zu denken hatte. Manchmal wurde dazwischen „hoch“ geschrien, manchmal nur am Ende. Männer erhoben sich dabei halb. Frauen saßen ganz da; schienen einzig und ausschließlich zum Sitzvorgang geschaffen. Die Schwüle stieg. Eine Dame lüftete ihr Kollier.

„Perlen machen so heiß, besonders echte.“

Eben schloß ein Stehender:

„Nichts lobenswerter am Manne als recht reinliche Triebfedern.“

Über die Enden des Beifalls weg schnatterte es aus einer arroganten kleinen Person laut in ihren Tischherrn hinein:

„Und denn is mal so’n schmieriger kleiner Jude gekommen und hat gefragt, ob ich ihn heiraten will. Waschen Sie sich erst, hab’ ich ihm gesagt. Na, sehen Sie, dort sitzt er — das ist mein Mann.“

Der riesige Greis aus Stein und Wasser war unterdessen wieder ganz in die schauerlichen Vorgänge seines Inneren versunken, wies mit Grauen alles Getränk weit ab, würgte nur ein wenig Kaviar auf Zwieback hinunter, lauerte ihm schweigend nach. Langsam stieg Triumph in den blutigen Blaublick. Dann aber trieb die aufdrängende Flüssigkeitssäule das Kaviarbrötchen aus dem erstorbenen Magen in den Schlund zurück. Triumph im Aug oben zerfiel. Der Hausarzt näherte sich rasch — eben jener Mann, den die arrogante junge Person zu ihrem Gatten reduziert — öffnete ihm rasch das Frackhemd, bohrte eine Spritze mit irgend etwas: Kampfer oder Theobromin dem Aufstöhnenden unter die lederzähe Haut. Dunst, Schnaps und Schwatz hatten den Vorgang nahezu vernebelt.

Eben stand Dallmeyer da, spann aus seinem Bart heraus einen Phrasenstrang über das dreifache Festessen hin: wie der verehrte Gastgeber hier, erfolgreicher Mann der Arbeit, Leuchte modernen Handelsgeistes, unentwegt die Fahne des Idealismus hochgehalten, und wiewohl selbst geistig und körperlich noch ungebrochen — als zärtlichster Vater dem einen Sohn den Fruchtgenuß seiner Lebensarbeit überlassen: dem Nachfolger solcherart in selbstloser Weise ein frei fröhliches Schaffen aus dem Vollen gönnend, seinen Erstgeborenen hinwiederum auf das Großzügigste der hehren Forschung geweiht habe, gleichsam mit dem Öl seiner Bilanzen das reine Licht der Wissenschaft speisend. Und Dallmeyer schloß mit einem „Hoch“ auf seinen genialen Kollegen und der Hoffnung, daß dessen epochaler Bedeutung — in engstem Kreise längst neidlos anerkannt — endlich auch offiziell die verdiente Sanktion durch ein Ordinariat und Aufnahme in die geweihten Hallen der Akademie zuteil werden möge.