„Das kommt davon, wenn man vorlaut ist,“ sagte Papa, dann tröstend: „aber vielleicht gibt es morgen einen neuen Ballon, den binden wir dann so fest, daß er gewiß nicht wieder fortfliegt.“

Voll Mitleid mit so viel dickhäutiger Begriffstützigkeit sahen die jungen Sternsaphire sich diesen desolaten Erwachsenen an, der obendrein ein Papa war.

Großen konnte man ja überhaupt nichts erklären, sie aber auch nichts fragen; wenigstens nichts „Eigentliches“. Mama sah dann aus starrgrauen Augen meist zur Seite, tat, als tauche sie eben aus einer überaus wichtigen Erwachsenensache auf, in die sie sofort wieder zurück müsse, nickte flüchtig und falsch zerstreut:

„Ja, ja, schon gut, aber halt dich grad.“

Papa ließ sich gern fragen, doch nie durfte man weiter wollen als er selber wußte, nannte die Frage dann albern und wurde heftig. Als ganz kleines Kind hatte sie einmal stolz von ihm gesagt: „der Papa weiß alles.“ Diese vierjährige Voreiligkeit sollte sich bitter rächen. Er hatte nachsichtig und doch wieder ehrgeizig dazu geschmunzelt, sich in seine riesige Rübezahlhöhe gereckt, so mit einer Haltung, als wünsche er, dies möge dauern. Darum tat man auch viel später noch oft so, ließ es hingehen, hörte widerspruchslos zu, redete er mit herrischen Bewegungen vag daneben, hatte man aus Versehen nach einem „Eigentlichen“ gefragt. Er roch ja doch so vertraut und gut, mit den graublonden weichen Wellen draußen über der Stirn voll trotziger Löwenfalten, und man küßte ihn fieberhaft gern, obgleich er jähzornig schrie und einen viereckigen Daumen hatte; überhaupt lang nicht so mit allem in Ordnung war, wie etwa Butz, die Katze, und Iblis, das Reh. Aber das waren ja die wenigsten. Bei den andern ließ sich stets ein „noch“ hinzudenken.

Was für ein „noch?“ Sie grübelte: „noch schöner? Nein noch nocher, ganz einfach.“

Da war zum Beispiel das Matterhorn. Alle hatten im Sommer davor so überwältigt getan. — War man aber schon ein Berg, hatte man doch eigentlich noch steiler zu sein, noch höher, mit noch eckigerer Schulter, und mit einer solchen Eisnase hinaufzustoßen durchs Blaue, daß es in Sprünge zerkrachte wie ein Glasdach.

Die Dinge waren eben irgendwie faul und nie bis zu ihren eigenen Enden gegangen. Das hatte aber durchaus nicht immer etwas mit „groß sein“ zu tun ... Butz und Iblis waren klein und doch bis in ihre Enden gekommen und ganz rundherum wunderbar, daß man nie satt an ihnen wurde vor Zärtlichkeit und Entzücken.

Das also war das „Noch-nocher“. Außerdem gab es das „Eigentliche“. Von dem aber mochte erst recht keiner was hören; auch ein paar Jahre später die Lehrer nicht. Versuchte man es zu begreifen, hieß es, man sei begriffstützig und halte die Fleißigen nur auf. Lange weigerte sie sich einzusehen, warum eine Flaumfeder und ein Bleistück im leeren Raum gleich schnell fallen sollten. Das Gerede mit dem Luftwiderstand war doch nur Nebenschein, tief drinnen aber lag ein Unbegreifliches. Überall lag ein Unbegreifliches tief drinnen: das „Eigentliche“ eben. Wie im Ich und Nicht-Ich.

Auch magische Worte gab es, wie „Masse“ und „Substanz.“ Sie erregten einen oft so, daß man den Kopf in die Waschschüssel stecken mußte, führten aber doch nur zu Konflikten, bis man es gleich den andern Kindern weghatte, Lernen von Verstehen zu trennen, alles so glatt zu wissen wie die albernste Gans; es auch nicht mehr beanstandete, daß die Welt Dienstag und Samstag von zehn bis elf in „Naturgeschichte“ Jahrmillionen zur Entwicklung brauchte, und auf ihr aus einem Schleimpatzen, einfach durch „Überleben des Passendsten“ einmal etwas wie ein Elefant wurde, ein andermal etwas, das die Neunte Symphonie schrieb oder den Tristan, je nachdem; während wieder alles, einmal der Woche von drei bis vier, beim Religionsunterricht, in sechs Tagen gemacht worden war, von einer heftigen älteren Persönlichkeit ganz plötzlich und ohne jede ersichtliche Veranlassung.