Als Kind eines eingewanderten deutschen Patriziers fanden die Religionsstunden, im Gegensatz zu dem gemeinsamen katholischen Unterricht der Schule, privat bei dem evangelischen Pfarrer statt. Man landete dort wie auf einer Insel von Gespreiztheit und durchgesessenem Plüsch, ohne recht zu wissen warum, schon allein durch die Art, wie Mama devot, verschroben und leer „Hochwürden“ sagte. Dann gab es Verse auswendig zu lernen:

Das Wort, sie sollen lassen stahn

Und keinen Dank dazu haben.

Er ist bei uns wohl auf dem Plan

Mit seinem Geist und Gaben ...

Sie hatte das nie begriffen. Da nicht, aber auch niemals später. Doch wozu diesen Greis, der so schon einen Stockschnupfen mit rotgewürfeltem Taschentuch hatte und einem — ließ man ihn in Ruhe — automatisch „sehr gut“ gab, durch Fragen entfesseln. Außerdem gehörte er ja zu den Leuten, die sterben. Schon als kleines Kind hatte sich diese Idee bei ihr festgesetzt: nur Leute, die zur Kirche gehen, sterben. So alte Weiber eben, die immer im Weihrauch lungern, mit Kerzen und Geplärr bei Leichenbegängnissen herumschlurfen. Ein gut und gradgebornes Wesen stirbt nicht. Wie könnte etwa Iblis, das Rehli sterben? Höchstens haaren. Dann bekam es eben ein noch glänzenderes Fell, und man grub das Gesicht noch lieber hinein, wenn man, die Arme um seinen Hals, mit ihm aus der Heukammer in den Garten sprang, bis unter die Fichtengruppe beim Neptunbassin, wo Iblis seine lackschwarze Nase in die Leberblümchen steckte, sie rupfte und fraß.

Und gar Butz! Wie könnte Butz je auch nur so wässrig aufdunsen oder knotig vertrocknen wie Begräbnisweiber? Sie warf sich flach auf den Boden und betete Butz an. Es war eine lichte und festliche Andacht: lebendige Adoration, steigender als Fieber, tiefer als Schlaf, mit der alle bewunderte Bewegung in den eigenen Körper herübergesogen wurde. Denn sie hatte entdeckt: war man auch ein ganz alleines Ich, vermochte man doch Dinge in sich hereinzulieben nach Wahl, denn da war eine Welt von außen nach innen und eine von innen heraus; durch den feinhäutigen, zartherzigen Kinderkörper osmosierten sie hindurch und man meinte, einmal müßten sie sich zueinander küssen.

Jetzt war Butz dran, hereingeliebt zu werden. Bald hatte der Kater den Schwanz um sich getan, saß mitten in ihm wie ein Turm mit Ringmauer, sah ganz oben aus zwei grünen Scheinwerfern in Lichtkegeln um sich; bald strich er, schmäler wie sein Schnurrbart, durch Türspalten, schwanzhoch, lässig und einsam. Oder man nahm ihn auf den Schoß, streichelte sich die Herrlichkeiten seines Lebens hinein.

Andern Tags ergab es sich dann richtig, daß man den deutschen Aufsatz total vergessen hatte mit seinen zwei Themen zur Wahl: „Hausmütterchen, der Sonnenstrahl im Elternhaus“ oder „Kleopatra“ (Richtlinie: schade, daß in einem so schönen Körper nicht eine ebenso schöne Seele wohnte) und auch in der Geschichtsstunde dem Faktum, daß durch Margarete Maultasch Tirol an das Erzhaus gefallen war, eher fremd, um nicht zu sagen lieblos, gegenüberstand.

Bald hieß es: „dieses ewige Herumschmieren mit den Tieren im Garten muß aufhören. Es lenkt zu sehr ab.“ Schien ein System: bei allem Erhabenen, Hinreißenden, Holden, es verbieten unter der Devise: „es lenkt ab“.