„Unverstand in idealem Zusammenfluß mit Malevolenz,“ wie sie ein paar Jahre später diese Bestrebungen innerlich zusammenfaßte. Zeigte man Freude an etwas, ward es zu Erpressungen ausgenutzt, seine Entziehung angedroht; verbarg man deshalb seine Neigungen, hieß es: „pfui, ein Kind und schon so blasiert.“

„Warum spielst du nicht mit dem schönen, teuren Spielzeug?“ frug Mama. „Andre Kinder wären froh und dankbar ...“

Hinter diesem schönen, teuren Spielzeug aber lauerte endlos und heimtückisch das Aufräumen. Gar noch zum Schluß, wenn man jedes Stück schon so satt hatte. Butz und Iblis bekam man nie satt, und sie räumten sich selber auf. Oh, nur rasch groß sein, erwachsen sein, frei sein. Nicht mehr bis in seine Spiele hinein gezwungen werden, die verkappte Plage waren! Diese Großen aber sagten:

„Sei froh, daß du noch ein Kind bist, immer sorglos und glücklich.“

Und wie war das mit der Margarete Maultasch, he? Und das früher: nicht mit den eingeschlafenen Beinen baumeln und nur gefragt reden dürfen? Und gar jenes andre, von dem man nicht sprechen mochte, nein, lieber sterben! Jenes: in der hohlen Nacht schiefgekauert vor Grauen, ganz allein im Schwarzen liegen, wenn es sich in den Ecken ballt ohne Gegenstand und man es anfleht, nur nichts zu werden! Wo man die übermüden Augen immer wieder aufreißt, denn sie sind das letzte, mit dem man das in den Ecken noch bändigen kann. Ist man aber eben eingenickt, sofort wieder zitternd heraus müssen im Winterdunkel, mit Nebel im Magen, um übel vor Hast zur Schule zu stürzen, übernächtig in Angstschweiß ... jeden Tag und jeden Tag, Jahr um Jahr.

Selber wußten sie allerdings kümmerlich wenig anzufangen mit der unermeßlichen Macht und Wonne ihrer Erwachsenheit, diese Wesen, überzogen mit Trübe, Zähe und Verdruß. Taten immer so, als täten sie: unausdenkbar Wichtiges. Dabei war es gar nichts. Lauter schäbige, träge, unreine, störende, überflüssige Dinge. Warum wedelte Mama, zerzaust und verzerrt, mit einem widerlichen Lappen in der Hand, den halben Tag zwischen den Möbeln herum, wo doch das Stubenmädchen und der Diener dazu da waren? Eine böse und schweißige Märtyrerin des schönen Hauses, statt lieber durch die weiten, hellen Räume oder den Garten zu galoppieren und Reif zu schlagen. Warum hieß es „Ernst des Lebens“, wenn Papa am Kontorofen lehnte, die Zeitung las und rauchte, während genau dasselbe vor dem Speisezimmerofen getan „Erholung“ hieß?

Einmal geschah etwas zum Zittern Ekles. Nie zu Vergessendes: während die Köchin appetitlich dasaß, in grünweißer Schüssel reizende rote Radieschen wusch, griff Mama mit ihrer Hand — der eigenen nackten Hand — griff sie ganz von selber, ohne daß sie doch mußte, einem blutigen Hühnerkadaver von unten in den klaffenden Steiß hinein, ganz tief bis in die violetten, stankgeschwollenen Eingeweide, riß an den glitschigen, daß sie herausspritzten. Oh, wie es dann unter ihren Nägeln aussah!

Das Kind ballte die Fäuste. „Wer das über sich bringt, ist keine Dame mehr.“ Und fast weinend vor empörter Reinlichkeit: „nein, lieber verhungern.“ Papa war dabei gewesen, hatte es auch gesehen und doch begann er ihr nach Tisch mit jener reuigen Gedrücktheit schmatzend die Hände abzuküssen, wie immer, wenn sie zerlechzt dasaß und in schweißiger Überbürdung schwelgte, denn beide schätzten Szenen sehr. Seither war er für seine kleine Tochter nie mehr derselbe, war irgendwie herabgekommen. Sie fühlte dunkel: es gibt Hände zum Hühnerausnehmen und Hände zum Küssen. Beides, nein! Schmiegte sich von nun an seltener in seine Arme und aß Hühner überhaupt nicht mehr, erbrach sich schweigend immer wieder, wenn man sie dazu zwingen wollte. Hatte Mama etwas geahnt? Sich hinter Papa gesteckt? Plötzlich hieß es:

„Du bist jetzt groß genug, es wäre Zeit, der armen Mama ein bißchen in Haus und Küche an die Hand zu gehen.“

Sie fühlte die schmutzige Schlinge. Mit zusammengebissenen Zähnen, gefrorenen Mord im Gesicht: