„Dazu sind die vier Dienstleute da, überdies Gärtners und Portiersfrau.“
Man nahm ihr die Geige weg, verbot Latein und Griechisch, die sie privat betrieb. Auftritt über Auftritt. Mama stülpte polternd Keller und Bodengerümpel um, sank dann erschöpft in Sessel, rückte eine ausgearbeitete rechte Hand mit zerbrochenem Zeigefingernagel anklagend in den Augpunkt töchterlichen Mitleids, während Papa dräuendes Düster aus knochenüberhangenen Augen hervorschoß, bis schließlich alles zu einem latenten Dauervorwurf gerann.
Oh, wie sie Szenen haßte! Szenen deckten ja alles auf, und es hieß doch schon so genug vertuschen, damit es nicht herauskam, wie minder sich die Großen benahmen. Das aber sollte nie offenbar werden. Lieber warf sie sich mit ausgebreiteten Unarten rechtzeitig dazwischen, um eine auftauchende Hemmungslosigkeit, unvornehmes Gehaben der Eltern vor Fremden ins Erklärliche zu rücken. Fühlte sich irgendwie für diese Eltern verantwortlich aus ihrem Tiefsten heraus: dem Drang nach Reinheit. Wollte wie aus klarem Bade gestiegen sein. Setzte sich darum oft vor sich selber knirschend ins Unrecht; keineswegs aus Liebe oder Güte. Von letzterer hielt sie vorläufig nicht viel. War noch zu jung, vertrug die Dummheit nicht, die vom Guten zweiten Ranges ausstrahlt, verwechselte Güte noch mit Sentimentalität.
Einmal galt es, nicht nur Unrecht —, bitterer noch: das Odium des Ungeschmacks fälschlich auf sich zu nehmen. Es war am zwölften Geburtstag, als Mama das mit der neuen Zimmereinrichtung verdrehte.
„Du kannst sie dir selbst wählen, heuer zum Geschenk,“ hieß es.
Kühne Pläne wurden geschmiedet. In der Tanzstunde riet die gedunsene Valerie:
„Nimm Eiche mit Gobelins.“
„Nein, blaue Seide mit weißem Lack, auch ein Bidet aus weißem Lack mit Goldknöpfen dazu,“ drängte Olga, die den finnigen Teint hatte vom vielen Käseessen.
Das beneidete Geburtstagskind aber hüllte sich in seliges Geheimnis: „nein, etwas ganz Neues, ganz anderes, ihr sollt sehen. Und zu mir passen muß es wie das Haus zum Schneck.“
Mama sah die Entwürfe. Ja, aber auf dem Boden liege noch ein bedruckter Kreton, der müsse für die Möbel verwendet werden, auch zwei Vorzimmerschränke sollten herein. Schließlich ergab es sich, daß alles schon bestimmt war, lauter vorhandene Reste. Nur die Form der Sesselgestelle unter dem scheußlichen Blümchenkreton blieb ihrer freien Wahl überlassen. Sie hörte gar nicht mehr zu, was der Tapezierer schwatzte. Aus. Kein Kompromiß. Mochten sie machen, was sie wollten. Alles oder nichts ... natürlich wurde es dann immer „nichts“.