Eine Verbeugung, ein lässiges Gehen. Dann wiederkehrend, eine zweite tadellose Verbeugung. Dann eisklar vor Empörung — über alle angeborne Scheu begafftes Zentrum zu sein, hinweg — in die verlegene Stille hinein:

„Erna wird erst kommen, bis Sie, gnädige Frau, sich anständig betragen.“

Zu Hause erzählte sie, noch ganz im roten Nebel gerechten Zornes das Geschehene.

Da verschrob sich auf einmal wieder alles in dieser unberechenbaren Erwachsenenwelt, und sie saß — wie damals im Wagen — bestürzt mit einem Bums selber in unabsehbaren Folgen: in einem Abgrund eigener Verworfenheit.

Man schlug die Hände zusammen. „Nächsten Samstag wirst du öffentlich in der Tanzstunde Frau Binder um Verzeihung bitten.“

„Aber Erna war im Recht, wir waren im Recht.“

„Ganz gleich, ein Kind wie du hat sich kein Urteil anzumaßen.“

Also Erwachsene durften sich unkritisiert Kindern gegenüber das Gemeinste erfrechen! Nicht nur, daß man nie Recht bekam, hieß es auch noch sich knirschend, mit gesträubten Nerven gegen besseres Gewissen demütigen, denn tat man es nicht, wurden die Eltern schreiend und würdelos; das mußte jedoch um jeden Preis verhindert werden.

Sie wünschte Frau Binder oder sich bis Ende nächster Woche glühend den Tod. Oder ging vielleicht die Welt rechtzeitig unter. Jetzt blieb nur noch ein Tag — eine Nacht — ein halber Tag. Schließlich die Hinfahrt. Stürzte doch ein Pferd! Bräche der Wagen! Gasse um Gasse, Eck um Eck kroch der Moment tödlicher Schmach heran. Schon die Treppe! Kaltgrünes Eis stieg das Mark hinauf, bittre Wasser quollen im Mund. Jetzt noch drei — zwei — eine Stufe; das Vorzimmer. Noch ein Hirnblitz Hoffnung: vielleicht fehlten Binders heute? Nein, dort standen schon die Galoschen. Keine Rettung — aus.

Die Qual dieses Samstags verseuchte alle die früheren, frohen — alle ferneren auch.