Aber konnte denn das schon das Leben sein? Diese unharmonischen Brocken, aufgereiht an einem Faden Angst. Sie gewöhnte sich, alles als unwirklich zu empfinden, als Fehler und irrer Vorhalt nur: lebte wie von einer fernen Küste her, ganz in Silberdämpfen der Phantasie. Lernte sich auch immer reiner und herber abgrenzen gegen das Vorläufige. Züchtete sich ausschließlich dem Eigentlichen entgegen. Es hatte doch auch sein Gutes, so ein ganz alleines Ich zu sein, nur aus sich selbst heraus veränderbar. Da schloß man sich zu und liebte bloß nach Wahl herein.

Zum Beispiel einen Barsoi.

Beim ersten Anblick des unvergleichlichen Tieres, das fremd und resigniert hinter seinem wiener Herrn schritt, geriet sie in tagelanges Entzücken, bekam feuchte Augen vor der Harfe dieses Leibes, dem durchscheinende Rippen gleich Saiten anlagen, ruhte auch nicht, bis sie die eingezogenen Flanken des russischen Windspiels am eignen Körper lebendig besaß. Eine Übung war dazu besonders gut: auf dem Rücken liegend, den Leib sichelförmig einsaugen, und in die Mulde das Gefäß mit den Goldfischen ausgießen. Konnten die Fische dann in dieser Beckenschale, ohne Grund zu berühren, flossenschlagend umherschwimmen, war es in Ordnung und ergab am aufrechten Körper den heißerliebten Kontur! Wenn nicht, änderte sie Nahrung, Bewegung, Atem, bis es wieder ging. Eine Kontrollübung, nichts weiter.

Einmal bekamen die aus der Tanzstunde es zu sehen.

„Du bist übertrieben,“ hieß es.

War etwas halbwegs wie es sein sollte, nannten sie es immer übertrieben.

„Du bist eine eitle Egoistin“ und Olga, die trotz finniger Haut vom Fettkäse nicht lassen mochte, blähte sich: „Man muß für andre leben. Ich werde für die Idee der Menschheit auf den Barrikaden kämpfen.“

Sie probierte vor dem Spiegel eine Jakobinermütze aus rotem Seidenpapier ...

„Und überhaupt kommt es auf die Seele an.“

Sibyl, die Jüngste, zog sich scheu und völlig unüberzeugt in sich selbst zurück. Fühlte tastend: weil Olga zu schwach und faul ist, vom Käs zu lassen, drückt sie sich an sich selber vorbei ins Gemeinwohl. Weil sie nicht die Kraft hat, die Menschheit zuerst einmal am eignen Leib zu vervollkommnen. Eine Watschelgans bleiben und darauflos beglücken, wie billig; Seele? Eine saubre Seele, die noch nicht einmal imstande ist, sich eine reine Haut, edle Glieder zu machen.