Weit und breit tat’s ja keiner sonst, und um Himmels willen: endlich mußte doch etwas geschehen. So ward dieses junge Wesen, da es um sich keinen Idealtypus ausgebildet vorfand, gezwungen, die eigne Persönlichkeit überwertig werden zu lassen, beinah weinend manchmal in seines Herzens Andrang.

Die Eltern aber saßen Tag um Tag nach Tisch bei ihrem ewigen stumpfen Schach. Herausschreien hätte man sie mögen aus ihrem Schach.

„Ich, ich, ich bin noch ein unlädiertes Exemplar! Un—lä—diert —, hört ihr! Noch ist nichts verdorben! Nicht helfen, oh Gott, nur hindern sollt ihr mich wenigstens nicht! Bitte, bitte nicht!“

Alles in ihr bäumte sich auf gegen die freudlose Routine, die verfaulten und schauerlichen Kindereien der Erwachsenenwelt. Wie war das Alter widerlich und verächtlich. Ohne Selbststrenge in seinem mürben Fleisch! Ein Weltbeben — würde doch der Sirius einmal explodieren — mitten in den schwarzen Kaffee und mitten hinein ins Schach!

Die Eltern sahen immer ratloser diesem Giraffen- und Windspielwesen zu, das kerzengrad, erbittert, stumm und über die Maßen wunderbar von ihnen wegwuchs. Es selbst aber ward jammervoll herum geworfen zwischen Schwachmut und Hochmut. Denn nichts ersehnt ja ein feinerer Mensch inbrünstiger, als nur Ebenbürtiges um sich zu haben; mehr noch: sich hinbreiten dürfen vor etwas, das besser ist als er. Glücklich nur in einer Welt, die ihn zum guten Durchschnitt reduzierte. Denn der sinnlich Wohlgeratene mag auch nur wieder Wohlgeratenes um sich dulden, anderes tut ihm zu weh in seinen Augen. Wer dagegen die Inferiorität seiner Umwelt mit befriedigter Eitelkeit, statt mit Qual und Scham konstatiert, gehört ihr selber zu, und ein Überlegenes solange hämisch umlauern, bis man glücklich einen Fehler, eine Lächerlichkeit, eine Schwäche daran entdeckt zu haben meint, ist untrügliches Pöbelmerkmal.

So wehrte sie sich qualvoll immer wieder, ihr Anderssein als Höhersein werten zu müssen. Vielleicht war alles falsch? Vielleicht ließ es sich doch noch abgewöhnen, oder ein Schleier wuchs einem vor den Augen, den allzu klaren, man sah nicht mehr wie kalt, unrein und träge die Welt ringsum war.

Erst vor der Wahrheit ihres vierzehnjährigen Aktes sank jeder Zweifel dahin. Hohe zarte Beine wuchsen aus allen Kleidern heraus, hoben sie höher, immer höher über Morast und Mob, lange Schenkel spiegelten durch die Scheußlichkeit aller Moden hindurch. Voll Ehrfurcht stand sie im Springbrunnen ihrer Glieder: dem hüftenlosen Strahl aus Milch und Silber. Wo er an den Flügelschultern in die Arme niederfloß, dort oben spielten in ihm zwei winzig harte Kiesel, von paradiesischen Wassern hochgeschliffen. Das Mädchen-Kind aber trank sich, berauschte sich mit zitternden Wimpern an diesem verwegenen, makellosen Strahl, zu dem es „ich“ sagen durfte.

Und war von nun an nicht mehr gemein zu kriegen.

Aber warum, um Himmels willen, sollte man denn nicht so, ganz so, durch die Welt jubeln und alle rufen und ihnen diese ungeheure Freude immerwährend in ihre Augen schenken? Nicht einmal Papa sah es richtig und Mama verstand ja nichts davon.

Damals erweckte sie die erste grenzenlose Hingebung und beging die erste überflüssige Infamie.