Eines Tages erschienen ein paar Herren in Hof und Stall. Besichtigten alles, vermaßen alles; in der Mitte ein Ausgemergelter mit Geierschnabel und schöngebogenen, harten Krallen: Pferdegraf und Käufer der Realität. Zimmer, Statuen, Garten kümmerten ihn wenig, schlief und aß ja doch mit den Roßknechten im Heu. Aber ging es aus, im Hof die Viererzüge zu wenden, deren er vierzig hielt? Darum drehte sich alles. Ja, es ging aus. Mama schlich, die Faust an den Mund gepreßt, herum.

„Wenn er nur nicht dahinterkommt, daß der Schwamm im Haus ist.“

Nach Monaten noch konnte sie ganze Nachmittage unter Angst setzen, von Schadenersatzprozessen schwärmen, denn: „Schwamm bräche Kauf.“ Ihre ewigen Klagen über Kosten und Mühsal so großen Haushaltes hatten schließlich den Gatten vermocht, sich von dem geliebten Barockschlößchen Hildebrandts zu trennen. Nun konnte ihre Tyrannei der Schwäche den überragenden Mann und das viel zu herrliche Kind in eine Mietwohnung ducken. Schwammersatz würde sich schon finden lassen.

Sibyl, in verkrampften Nächten, gab sich zum ersten Mal ganz der Onanie des Leidens hin. Kein Eigenheim: also kein Reh, keine Katze, keinen Garten: keinen Fleck Leben mehr! Man grinste:

„Jetzt ist es wenigstens aus mit der ewigen Tierschinderei. Soll ja da eine ganze Menagerie gewesen sein.“

„Was, Sie wissen nicht? — Aber das ist doch stadtbekannt. Ins Wasser geworfen, gepeitscht, gebraten hat sie die armen Kreaturen ... häuserweit war’s ja zu hören ... und auch sonst noch ... Die Frau Regierungsrat Dostal, die doch danebenwohnt, hat erzählt ... na, ich sag’ Ihnen ... mit dem großen Hund ... Sie verstehen.“ Die Herren zwinkerten. Die Damen konnten es gar nicht fassen, ließen es sich denn auch immer wieder erklären und sinnfällig dartun.

Papa brummte, es wäre ihr ja freigestanden, weiter hier zu wohnen, als Herrin sogar. Der neue Besitzer hatte sie zu Pferd gesehen.

Da hob das Mädchen-Kind, statt aller Antwort, nur ein ganz klein wenig die Brauen, im unbesieglichen Hochmut einer Siebzehnjährigkeit, die sich nur von der Phantasie bespringen läßt. Dieser Roßmensch? Der fuhr mit seinen Viererzügen doch irgendwo ganz draußen, vor dem Leben herum! Gehörte noch gar nicht zum „Eigentlichen“, ein fehler und irrer Vorhalt, wie das Übrige.

Ihr unruhig schlafendes Blut aber träumte davon, alles Würdige zu umarmen: Götter, Tiere, Ideen, Taten. Einer Dreieinigkeit aus Dionysos, Buddha und Newton hob es sich springrot entgegen, mit Hilfe des alten „Noch-nocher“ aus der Babyzeit: noch höher, geschmeidiger, weiser, glühender, reiner werden. Dieser Trieb nach Reinheit, bis in die entlegenste Minute hinein, begann ihr etwas von einem jungen Gralsritter zu verleihen. Von diesem lichten Doppelgänger kam ein beflügeltes Schreiten, eine Schwerelosigkeit an den Grenzen der Flamme, des Schleiers, der Welle. Auch im Straßenschmutz sollte der Saum des Schuhs noch ohne Makel bleiben.

Doch sie war so ein ganz alleines Ich — nicht hilflos — aber ohne Hilfe und begann daher allmählich aus jenem vollkommenen Zustand der Gnade zu fallen, als welcher allein das reine Befolgen des Instinktes ist; wollte jetzt wissen, warum sie recht hatte, suchte nach Gründen, letzten Endes also nach einem Rechthaben vor der Welt, somit leicht angesudelt.