Es war eine Philosophie der Schlankheit, die sie sich da zurecht gelegt hatte: Das Wesen des Lebens sei Bewegung. Bewußte, aus Innervationen erfließende Bewegung, im Gegensatz zum Toten, das sich nicht bewegen könne ... Demnach müsse alles Dichte, was der Durchflutung mit Geist entgegenstehe, als fehl empfunden werden, vollendet hingegen jener Kanon der Glieder, der die leichtest zum Ziel strebende Bewegung ermögliche ... also Langbeinigkeit, Schlankheit (größte Übersetzung bei kleinster Speichendicke) ... Das Lebendigste, jenes, in dem der Geist als Anmut schwinge, wie im Wimpel der formgewordene Wind. Fett sei demnach eine schwere Erkrankung oder ein Charakterfehler. Im Wohlgeratnen müsse es unaufhörlich restlos zu Temperament verbrannt werden.

Nicht aus ihm, nicht aus wucherndem Bindegewebe wollte sie bestehen, sondern aus Tausenden winziger Herzchen: den Muskeln, deren jedes das Leben wirkt.

Der ganze Körper eine Herzprovinz!

Man grinste nicht mehr. Von nun an war sie irgendwie eine dauernd Angeklagte, begann wie Scheidewasser auf ihre Umwelt zu wirken: wer etwas Schönes hatte, mußte es ihr geben, der Gemeine sein Gemeinstes an ihr auslassen.

Mit gezückten Operngläsern setzte man sich vor diesem anhebenden Leben zurecht, wie im Theater vor einer Skandalpremière, hielt auf alle Fälle das Schamgefühl parat, in der Hoffnung, es gröblich verletzt zu finden.

Das Mädchen-Kind begriff nicht. Vor ihr war immer zwinkernde Beflissenheit, drehte sie den Rücken, flog es wie feige Bestien ans Gitter, sie fühlte das mit einer Art empörter Bestürzung, bekam etwas Steiniges und wäre so gern weich, sonnig und höflich gewesen.

Mama hatte keinen rechten Schwammersatz finden können. Suchte endlich in sich selbst, stöberte eine beginnende Stoffwechselerkrankung dort auf und begann sie mit Hingebung auszubauen.

Das Leben wurde zur Bühne der Dekrepidität.

Unkontrollierbare Schmerzen brachten Gatten und Tochter um den Schlaf ihrer Nächte. Die freie Hand über einen Stock verkrümmt, hing sie sich im schnellfüßigen, bewegungshungrigen Mann fest, machte ihn durch die gähnenden Gärten der Kurorte schleichen bis er, psychisch hilflos wie ein Bernhardiner und voll Engelsgeduld, sich jedes normalen Lebenstempos zu schämen gelernt. Auf der andern Seite trug Sibyl mit hängenden Flügelschultern Plaid und Luftkissen. Plötzlich klagte es vorwurfsvoll durch die wehleidige Öde:

„Heitre uns auf. Jugend ist zum Aufheitern da.“