Besonders hinfällig gestaltete sich stets der Eintritt in Speisesäle, mit Stehpausen aus verbissenem Schmerz. Scharf grün blieb ihr Blick dabei auf jede Miene des Gatten zentriert — wehe wenn er zuckte. Dann weinte sie oben der Tochter vor:
„Er geniert sich. Es ist ihm peinlich, mit einer Leidenden gesehen zu werden.“
Hinter dem Rücken des Einen verleumdete sie den Andern. Kam es heraus, steckte sie sich hinter den Arzt: „Was, einer Kranken Vorwürfe.“ Stets schlau bedacht, beides zu genießen: die Rechte der Vollsinnigen zugleich mit allen Vorteilen der Unverantwortlichkeit. Die Nachteile blieben den andern. Über jeder lebendigen Regung hing als Damoklesschwert die Herzlosigkeit, und nie hätte der Mann es wagen dürfen, sich der unappetitlichen Fron des ehelichen Schlafgemachs zu entziehen, in dem seit Jahr und Tag für ihn weder Ehe noch Schlaf war.
Sie kannte Sibyls Haß und Verachtung für Frau Binder, seit der erzwungenen Abbitte im Tanzinstitut, und es gelang ihr unschwer, sich in die manische Überzeugung hineinzusteigern, nur im Hause Binder könne sie gesunden. Man solle die edeln, gütigen Menschen um Gottes willen anflehen, sie auf ein paar Monate als Gast aufzunehmen — mit Sibyl natürlich — ohne ihr einziges Kind ginge sie zugrund. Dieses knirschte vor Verzweiflung, solch bornierten und anmaßenden Spießern zu Dankbarkeit verpflichtet zu werden für alle Zeit, sie, die von niemandem, den sie nicht mochte, auch nur eine Handreichung annahm, oder das Odium des Muttermordes auf sich laden!
Das alles geschah weniger aus Boshaftigkeit, als um der eignen Person gesteigerte Bedeutung zu erschleichen. Da sich die Effekte abstumpften, griff sie mit der Zeit naturgemäß zu immer bedenklicheren Mitteln, ihre Lieben in Angst und Friedlosigkeit aufgescheucht zu halten. Schließlich blieb nur noch die Todeskoketterie wirksam übrig. Eines Tages sagte sie Datum, Stunde und Minute ihres Hinscheidens genau voraus, arrangierte das Szenarium, wies jedem seine Funktion zu. Sibyl wurde, als die Zeit kam, mit einem Batisttüchlein hinter den Lehnsessel postiert, ihr den Todesschweiß von der Stirn zu wischen, doch eben im Begriff, sich in ein wohlgeratenes Herzkrämpfchen hinaufzusentimentalisieren, ergab es sich, daß man heimtückischerweise die Uhren falsch gestellt, sie um ihre Todesstunde geprellt hatte.
Endlich eines Nachts versuchte sie es mit Veronal. Sah schon die „scène à faire“ vor sich: andern Tags die zwei Bösen, Freien, zerknirscht vor dem Bett ins Knie gebrochen und sich selbst von den herbeigeeilten Ärzten gestützt, noch schwach aber unendlich rührend, die Lippen bewegen:
„Ich wollte fort. Ich bin euch ja doch nur zur Last.“ Und ohne Worte, nur mit stummem Blick, um die Übeltäter vor dem Personal zu schonen: „So weit habt ihr es glücklich mit eurer Herzlosigkeit gebracht.“
Sie vergriff sich aber in der Dosis — nahm genug. Der Vorhang hob sich nicht wieder.
Es war nach dem Trauerjahr, bei einer großen Teegesellschaft. Da trat ein Mensch zur Tür herein. Niemand kannte ihn. Um niemanden kümmerte er sich. Ging pfeilrecht mit nachtwandlerischem Lächeln auf Sibyl zu und blieb vor ihr stehen. Nicht wie einer, der etwas zu sagen, sondern zu hören kommt.
Er war jung, gradhaarig, schmächtig, doch von der verdrechselten Knorrigkeit van Eyckscher Engel, wie mit einem trotzigen Feigenblatt geboren. Aus der Haut einer Hostie sahen Augen des Illuminaten. Das Zahnbein war schlecht. Der Anzug unauffällig korrekt.