Johannes der Täufer im frock coat? Aber sie war verschüchtert, ja, erschüttert von dieser zähen Gradheit. Angelus: der Bote fiel ihr ein. Frug schließlich, als er unbekümmert weiter schwieg:

„Was kann ich für Sie tun?“

„Es wäre eher an mir, so zu fragen, da ich zu Ihnen entboten bin.“

Er sprach herbe schlesische Mundart. Die Silben kollerten als kleines Urgestein aus seinem jungen Mund, der dabei eckig anzusehen wurde. Dieser Fremdling stand da — wie aufgetaucht — beladen mit den Morgengaben einer unbekannten Tiefe vor ihr, als sei sie die einzig lebendige Seele in der ganzen Welt. Er klärte nichts auf. Manches ergab sich, erriet sich, andres blieb: ein dunkler Reiz. Sie sprachen durch Stunden. Die Leute ringsum zogen am Rand ihrer Sinne in einem ganz andern Medium dahin, wie in den Wasserwürfeln der Aquarien bewegter Schleim zieht. Er machte sie spüren, sie sei behütet, irgendwie auserkoren, von geistigen Führern erwartet. Er, deren Bote und Mittler nur. Worte wie Sterne fielen auf sie nieder, von herber dunkler Glorie. Sie fing ein Jegliches mit dem Herzen auf, denn ihr Hunger nach Seele war sehr groß.

Gabriel Gruner hieß der Fremde — nein: der Bote.

Wieder schossen die Silberdämpfe der Phantasie auf. In Tag- und Nachtträumen warf sie sich hinein. So gab es doch eine magische Brücke ins „Eigentliche“! Gab Schlüssel, die Reich auf Reich erschließen durch verborgene Kräfte im Menschinnersten selbst!

Mit seinen Holzschnittgebärden, mehr als mit Worten, hatte Gabriel Gruner an all das gerührt. Wie von fern, unnahbar der Rede, mystische Übungen angedeutet, die den Körper so von innen heraus verwandeln sollten, daß lebendige Zeichen am Fleische sich bildeten: Marksteine gleichsam auf der Vergottung Pfad. „Und sehen sein Angesicht, und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“

Nie hatte sie Bibelworte so sprechen gehört. Seine Art ragte wie ein Magnetberg herein in den seichten Aufkläricht, die passive Intelligenz, den Unernst ringsum. Da sagte einer dies, der andre das — keiner sah aus wie das, was er sagte.

Endlich ein Ausweg. Loszukommen aus dem Leben ohne Tod. Ohne das heilige junge Gebilde zertrümmern zu müssen, das sie behüten durfte, und dessen Kniekehlen ihr verehrungswürdiger schienen als das Himmelreich.

Doch in welch eine Existenz war es gefallen. So voll Sonnigkeit sein und immer hinter innerlicher chinesischer Mauer, immer aus Notwehr in die Isolierzelle des Niveaus gesperrt bleiben müssen. Nur mit zusammengebissenen Zähnen war es eben noch zu ertragen gewesen. Aber konnte man denn anders? Läßt sich in kaltem Eiter atmen? Wo alle ihre verfaulten Jugendwünsche wie petrefakte Fötusse in sich herumschleppten, boshaft geworden an ihren feig verhaltenen Früchten! Fliehen mit dem geretteten jungen Seelenleib aus solcher Welt. Wie leicht mußte es sein, ganz auf sie verzichten.