Und Sibyl nahm sich Gott vor, mit Überspringung aller Zwischenstufen.

Sprang Gott an wie eine junge Löwin. Bei IHM würde man endlich in Reinheit geborgen sein, denn: „Da wird nicht hineingehen irgendein Gemeines und das da Gräuel tut und Lüge, sondern die geschrieben sind in das Lebensbuch des Lammes.“

Eigentlich wäre ihr ein andres Tier und Kraftsymbol lieber gewesen. Nun also gut: „Lammes.“

Hätte auch gerne den Boten befragt, warum das innere Wort, als welches die geistige Wiedergeburt des Menschen wirkt, trägt und vollendet, gerade hebräisch sein müsse? Dem fremden Buch einer fremden Rasse in fremden Gleichnissen entschöpft? Flottierte der verborgene Geist nicht frei und ward je nach der Menschenart anders in jeder offenbar? Doch klang das nicht wieder trivial, roh, vorlaut, undankbar? Endlich bewundern, vertrauen, gehorchen dürfen, wie war das schön. Sie forschte auch nicht, als eines Tages der Bote geheimnisvoll verschwand, wie er gekommen. Fühlte ja förmlich den Ort der mystischen Bruderschaft: deutsche Herbe, Enge, Handwerk, Wald, dort in Gabriel Gruners schlesischer Grenzheimat, wo der Vater Organist gewesen.

„Man muß den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten,“ war alles, was er von sich gesagt.

Das gab es also wirklich! Auf demselben Gestirn mit Gasrechnungen, Ex- und Import, Hundesteuer und Leitartikeln.

Brief über Brief kam voll Weisungen für die jüngste Jüngerin. Es war ein Werben ohne Werbung. Aus verborgenem Licht schlug sich ein Regenbogen von ihm zu ihr. Seine manische Sicherheit war frei von Anmaßung, denn hinter ihm stand mehr als Sterblichkeit, und das süße große Du brach ihnen aus gemeinsamer Jüngerschaft als seine erste Knospe auf.

„Mein geschwisterlich Gemahl im Geiste — zeitlos atmen mit Dir,“ schrieb er einmal.

Noch andre Briefe kamen. An Papa. Mit Insinuationen. Das Auftauchen dieses Fremden war nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages fand sie ihre Korrespondenz erbrochen; die widerlichste Szene folgte. Denn es ist eine indezente Wahrheit, daß die hoffnungslose Eifersucht von Vater zu Tochter, weil körperlich rein, um so gewissenloser mit allen psychischen Begleiterscheinungen der Ausschweifung, als da sind: Gewalt, Arglist, Betrug, Wortbruch, Verrat, in Form von Elternpflicht sich auszutoben sucht. Das jungfräuliche Kind steht nun empört, begreift nicht, weil kein grimmes Glück die Kette der infamen Nervenspiele je durchstößt und ihnen Sinn gibt.

Der junge Nebenbuhler wiederum kommt heil nur an dem leidenden Vatertier vorbei, befriedigt er maßlos dessen Eitelkeit, da wird es resigniert satt und still.