Über Sibyl aber ergoß sich nun eine ganze Marlittiade: wie Papa vermeint, eines Tages müsse ein Goethe, der zugleich Vanderbilt, englischer Herzog und französischer Botschafter, in einem Auto aus den Wolken fallen als sein Schwiegersohn. Die Tochter mochte bis dahin auf Eis liegen oder sonstwie Neutrum sein, wie es gerade für ihn am bequemsten schien.

Jetzt, bei der ersten Abweichung von diesem naiven Programm, beging er gleich das Allertörichteste: drohte, da sie minderjährig, mit der Polizei. Zurückbringen würde er sie lassen im Fall einer Heirat und den Mann wegen Entführung verhaften. Trieb Sibyls Selbstachtung damit in ein fait accompli hinein, wo bisher nur immateriell jungfräulicher Rausch gewesen.

All dies unwiederbringlich Zarte, das Edle, Einzige, Innige, alle Keuschheit erster Liebwerdung hing jetzt: ein abgehäuteter Seraph wie zwischen ausgespreizten Viehkadavern in einem Schlächterladen in seinen cruden Worten. Da sammelte sie sich in ihrer Trauer und Empörung, schwang sich wie eine Lanze — und traf — traf — traf —, den Menschen, den Vater, den Mann. Sagte, was sie nie gewußt, hellsichtig vor leuchtend intelligentem Haß, in Worten von leiser, blanker, tödlicher Mißachtung.

Und weinte und weinte dann auf ihrem Bett, fassungslos entsetzt über die Schöpferkraft des Hasses.

Zwei Jahre lang wechselten Vater und Tochter kein Wort. Am Tag ihrer Großjährigkeit ging sie aus dem Haus und ließ sich mit Gabriel Gruner trauen, war so erschüttert dabei, daß sie ihr eignes „Ja“ überhörte, es später nochmals stammelte, taumelnd von dem cherubinischen Hochzeitsflug: dem Flügel an Flügel durch die anwachsende Glorie fließen, ohne Trennung, ohne Tod, lotrecht auf den Fluten des Strahls — bis zu Gott. Das sollte die Ehe sein.

Ihre scheuen Knabenkörper kannten einander kaum.

Schwarzgekleidet bis zum Hals saß Gabriel in der Sonne und sagte:

„Es fehlt dir an Demut.“

Seine Macht war sehr groß; ging aus von der verborgenen Morgengabe hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach, lag ihre Seele quer über seinen Knien und die flutende Empfindung spülte jede Vision herauf, deren er bedurfte.

Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schöpferische Hingabe. Langsam stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Höhe, kantig wie ein Windenkelch und plötzlich von heidnischer Eleganz.