„Demut!“ Das Wort mußte doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie widerstehen. Ja: hätte er „Ehrfurcht“ gesagt, das wäre etwas anderes gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht sich aufrecken zu Gott.

„Gut, gut, man weiß schon: „wir sind allzumal Sünder und sollen nicht wider den Stachel löcken.“ Und ich sage mindestens drei Lügen an einem einzigen Vormittag und verunreinige sie auch noch mit Wahrheit, daß es einen Sudel gibt, und da ist kein heiligster Augenblick, in dem ich nicht auch ein klein wenig an meine Frisur gedacht und kein Erkenntnisrausch, den das Wort „Jause“ nicht ganz freundlich unterbrochen und da ist kein geliebtester Mensch, dessen Tod ich nicht spielerisch ausgekostet und durchprobiert hätte. Aber das schießt alles wie Sternschnuppen rechts und links vorbei. Innen steh’ ich ohne Demut, bis in die Seelenspitzen aufgereckt in Sehnsucht nach dem Reinsten, und so sehr kann ich wollen, daß mein Herz aus der Brust greift und es sich nimmt.“

Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Gabriel Gruner bekam seine manisch hellseherische Knorrigkeit:

„Man darf nie etwas wollen. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.“

„Dann braucht er es nicht mehr,“ sagten die zwei störrischen Sternsaphire oben in dem kantigen Windenkelch von heidnischer Eleganz.

„Nur solang ich mich danach zermartre, brauch’ ich’s. Nur solang jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an unsichtbaren Widerständen schluchzend zerstört: da mitten hinein hat die Erfüllung zu brechen oder sie ist nichts.“

Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie „das Feigenblatt vor dem Kopf“ nannte. Als wiche zur Strafe ihrer Störrigkeit die verborgene Verheißung hinter seiner Stirn weit von ihr zurück.

Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein, überhaupt alles Sein auf, übte Demut und versuchte die Sehnsucht zu verlernen.

Der geistige Führer war ein Doppelwesen. Hieß Scheible und Radinger.

Jeder für sich war nichts. Stiller, ländlicher Handwerker in schlesischem Walddorf. Zusammen bildeten sie ein magisches Zwiegeschöpf, dem Seherschaft eignete, inneres Schauen, Führertum. Ob ihre Körper dabei räumlich getrennt, blieb belanglos.