War er wieder im Lande, sah Sibyl es sofort. Selbst die entferntesten Cousinen der Clique erschienen plötzlich mit Sportmützen aus Pardelfell, hielten Regenschirme wie Tirsusse, und schaute man hin, wandten sie sich ins Profil, mit einem fragwürdigen und grausamen Lächeln.
Sibyl amüsierte sich: der Arme — welch ein Evoe-Kitsch — das verdient er denn doch nicht. Zu ihr und Gabriel kam er stets am letzten Tag vor einer unaufschiebbaren Abreise, versäumte zwar den Zug, fuhr aber doch mit dem übernächsten. Ritt rauh, arrogant, störrisch seine Steckenpferde vor: Philosophie des Standpunktwechsels, Zuchtwahl, Eugenetik; gewaltsam, unpersönlich und heftig. Als Baby Charmion hereinkam, brach er ab, vor diesem Arielwesen beugte sich das zerrissene Greifengesicht andächtig über die rosigen Füßchen. Dann wieder brutal dozierend.
Jede phänomenale Frau müßte von Staats wegen mit sechs — sieben auserwählten Männern Kinder bekommen. Welch ein Versuchsmaterial das ergebe.
„Und wenn sie nicht will?“
Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Übermut, Grausamkeit, Verspieltheit, Wollust rann aus den Augenecken über das schöne Gesicht, und von seinen eigenen, dunklen, magischen, unerhörten Strahlen gehoben, mit einer glücklichen, brechenden Knabenstimme:
„Dann wird sie angebunden.“
Beim Abschied in die laue Sommernacht hinaus, vermied er sorgsam ihre Hand. Verbeugte sich nur bös und tief. Dann tonlos vor Erbitterung: „Sie sitzen hier in diesem Nest und die ganze Welt dürstet.“
Um Weihnachten, Gabriel war in Schlesien, ließ eine Dame sich melden. Ralph Hersons Empfehlungsbrief lag eine Visitenkarte bei: Lady Tatjana de Walden war unter weißem, dekorativem Wappengetier zu lesen.
Gleich darauf stand eine Frau im Zimmer, exotisch, robust, resolut und unfrei zugleich, die Arme voll Blumen, ein großes Kuvert in der Hand. Schaute und schaute in fast tierhafter Spannung mit schönen, grauen Augen unter allzu neugelbem Haar. Keine Engländerin. Das sah auch Sibyls großgewordene Kindlichkeit. Keine Fremde, eine Überfremdete nur. Sie sprach in vorsichtig ausgelaugtem Deutsch, das zu dem urwüchsigen Umriß der Gestalt nicht passen wollte. Über das angenehme, etwas breite Slavengesicht rann manische Devotion. An was erinnerte nur das? Richtig, Manege. An alles, was zu erhobener Dompteur-Peitsche auf Hinterbeinen steht. Die Dame war mit umständlich vereinfachter Eleganz gekleidet — sah aber doch aus, als hätte sie früher einen Ring am Mittelfinger getragen.
Als der Gast unter stürmischen Erscheinungen von Glück und Entzücken Abschied genommen, öffnete Sibyl das große Kuvert. Ihr eigen Bild: in Dutzenden von Auffassungen. Ein kleines darunter, leicht getönt. Wieder sie: mit bloßen Füßen, und über die trocken hellen Halme ihrer Glieder stürzte als bananenfarbener Regen alles Haar.