Alle Probleme des Wissens erörterte er mit ihr als Macht zu Macht. — Versuchte, sie zur Detailforschung herüberzuziehen, weg von den großen Grenzgebieten. Doch als Beweis, wie er auch hier zu Haus, verfaßte er eine Broschüre über „Scheinprobleme“ mit Anpöbelung aller mächtigen Geister von je bis ehegestern. Schrieb dazu:
„Wollen Sie diese kleine Studie als Ihnen gewidmet betrachten. Sie haben mir immer so wohl getan, daß ich Ihnen stets nur Angenehmes erweisen möchte. Mögen Sie dieses bescheidene Zeichen einer außerordentlichen Verehrung freundlich und freundschaftlich aufnehmen.“
Sie lehnte die Widmung ab, übte höflich schonungslos Kritik an dem Dilettantismus der Arbeit. Geübter, intensiver im letzten Zusammensehen, denn dies war ihr eigenstes Gebiet.
Er ging über die sachlichen Einwürfe hinweg, nahm es persönlich, wenn auch als milder Psychiater, schob alles auf Rassenunterschiede.
„Ich bin sehr schwer zu beleidigen,“ lief seine linde Entgegnung, „habe aber natürlich nicht länger als zwei Minuten — nicht zwischen den Zeilen gelesen — Absicht merken lassen und doch nicht merken lassen, das geht eben nicht, aber es hätte mich gefreut, wie alles, was Sie erhöht, wenn es auf so feine Art geschehen wäre, daß man ganz im Zweifel hätte bleiben müssen, ob eine verletzende Absicht vorlag. Das war Ihnen wieder nicht wichtig genug! Sie sind offenbar enorm reich! Ich ganz Alter vermag sogar die Frische solch scharfer Urteile zu genießen, die, wie fast alles, was von Ihnen ausgeht, eine besondere Anmut haben. Es erinnert an Jugend und Überschwang, fast Schnurspringen. Aber ich wittre etwas anderes dahinter, was neben der metaphysischen Narrheit — oder milder: Überflüssigkeit — in den allermeisten Ariern steckt, nämlich eine gewisse Not und Sorge, eine privilegierte Fasson der Erkenntnis und Seligkeit zu besitzen. Solchen paßt ein vorurteilsloser Standpunktwechsel nicht, sie häufen Scheinprobleme in Physik, Chemie, Biologie, umnebeln sich mit philosophischem Schwulst, der den einzigen Vorteil hat, daß ihn kein normaler Mensch versteht und man in ihm ‚unter sich‘ ist. In dieser arischen Intoleranz, diesem Bonzentum und Parteinehmen aber liegt etwas Armes, und es stimmt mir nicht zu ihren sonstigen Weiten. Mein Wesen ist zu sehr Vernunft, praktischer Idealismus und Güte — Güte und noch einmal Güte ‚bedingungslos‘.“
Immer, wenn er etwas Schönes sagte, was sehr rein, sehr vernünftig klang, zog sich ihr durch den Reiz ein leiser Widerwille, als hätte er so Richtiges zu sagen noch kein Recht.
Und diese dreimal hochgehaltene „Güte“! Als schwenke er sie — ein Gelegenheitskauf — frisch von der Auktion. Sie bohrte weiter:
„Zeigt die Begeisterung, mit der er von ‚bedingungsloser Güte‘ spricht, nicht gerade, daß ihm jede praktische Erfahrung in der Materie fehlt? Mir scheint, wer wahrhaft gütig, — noch traf ich keinen — ist es knirschend, abgewandten Gesichts, weil er nicht anders kann, trotz infamster Erfahrung, denn das ganze Maß menschlicher Gemeinheit kennt nur er, weil nur an ihm die Feigheit ganz sich loszulassen wagt.“
In diesen Monaten sumste es durch alle Türritzen in ihre siebzehnfach verriegelte Zurückgezogenheit: Geschmeiß, die Rüssel naß vom Aas allen Tratsches, der hinter ihm herstank. Nun rächten sich Gabriels Anfälle von Leutegier: flüchtige Vorstellung einst mit einem Nicken quittiert, ward zum Vorwand stürmischer Begrüßungen an Straßenecken, und nach drei Sätzen fiel der Name des Berühmten — Berüchtigten. Ungute Damen verwandelten sich in mütterliche Freundinnen, Lebekommis in ethische Warner. Man übergruselte sich gegenseitig mit Andeutungen der Wollüstlingslaunen dieses Verderbers der Jugend. Mütter beteuerten, ihre jungen Söhne nicht in seine Nähe zu lassen, ihre jungen Töchter aber warfen sie ihm alle nach, denn er war die große Partie.
„Rein de Thier mißt mer zusperren vor den Damen,“ sagte der alte Leiser Herschsohn, ganz angeregt, und rückte sein schwarzes Käppchen — sehnte sich nach einer Schwiegertochter, nach Enkeln.