Sibyl dachte an Madame Swobodas Liebe und Ende, an ihre erste überflüssige Infamie ... und schrieb. Auch hatte sie die Frau gern, ihre Kraft und Treue.
Er jubelte.
„Ich wußte, daß ich nicht vergeblich bitten würde, daß auch Sie der Liebe haben. Die arme Lady T. lag eine Woche zwischen Leben und Tod, trotz Morphium schlaflos in entsetzlichsten Schmerzen. Doch wenn Sie gesehen hätten, welche Freude ihr der Brief der ‚besten Ärztin‘, mit den gewissen langhebelbeinigen schlanken Zügen, bereitet hat! Ich danke Ihnen aufs innigste, daß Sie mir diese erlesene Mitfreude ermöglicht haben, der Brief trug gewiß zur Besserung bei. Ich wußte übrigens nicht, daß der Verkehr abgebrochen war. Warum, warum überflüssiges Leid zufügen? Ich habe allerdings die Empfindung, daß Sie eben noch nicht traurigste Erlebnisse hinter und unter sich haben, ja, daß das Leben noch nicht einmal sehr große Schwierigkeiten, Hemmungen, Enttäuschungen für Sie hatte. Das ist ein kleiner Defaut und läßt Sie vielleicht auch Verläßlichkeit, Treue, alles positiv Erfreuliche, nicht so sehr schätzen, wie Narbenbedeckte. Es gibt Ihnen aber andererseits etwas Erhabenes, Heiteres, Unberührtes, das ungemein edel, sonnig und erfreulich wirkt.
Möge Ihnen dies noch recht lange, ja für immer erhalten bleiben! Ich würde geradezu leiden, wenn Ihnen irgend etwas geschehe.“
So war sie wieder im Garn der Güte, denn auch die Rekonvaleszentin brauchte noch „Arznei“. Und was als Antwort zurückströmte: stumm eingesagt klang es von einem unhörbaren Mund. Schon diese Schrift! Als hätte er ihr vorzeiten jeden Buchstaben einzeln mit der Wurzel ausgerissen, um ihn frisch hineinzustecken in ein Schriftbild von seinen Gnaden; jetzt hing das Ganze steil hintüber, einer Frau gleich, die hinter dem Rücken etwas zu verbergen sucht.
„Es nimmt dich auf,“ sagte Gabriel nach seiner Rückkehr, ganz durchsichtig in den Zügen vor Ergriffenheit.
„Als erste Frau. Du wirst erwartet. Jetzt hebt erst unsere wahre Hochzeit an, denn nichts kann uns mehr trennen.“
Immer noch, seit dem ersten Tag, ging sie mit Gabriel die inneren Gänge ihrer Verbundenheit. Bisher war er Mittler gewesen für die Weisungen des Zwiegeschöpfs an sie. Nun sollte endlich ein wichtiger geistiger Vorgang dem Stadium der Reife sehr nahe sein, sich auch von innen her in einem Zeichen körperlicher Art auswirken: als Meilenstein am Weg. So war es angesagt worden.
Noch am Abend wollte Sibyl reisen, taumelte vor Erregung wie im Traume durch den Tag. Es flimmerte ihr so vor dem Herzen, daß sie sogar von der Leiter glitt. Kam da auf der Jagd nach einem Koffer eine uralte Tasche aus des toten Organisten Nachlaß vom Bord herunter, traf ihre Schulter, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte, gerade mit dem Handgelenk, auf ein seltsam graviertes Petschaft, das aus der verblichenen Tasche gerollt war. Der scharfe Steinschnitt grub in ihr Fleisch ein weinrotes Mal. Rasch wand sie ihr Taschentuch darum. Gut, daß Gabriel nicht dabei gewesen, er liebte nicht Gegenstände seines Vaters profan ins Licht gestreut. Nun, es war ja nichts Böses geschehen, die kleine Quetschung gewiß in einer Woche vergessen und heil.
Am zweiten Abend kam Scheible in den Geist. Saß halbstarr auf dem Strohsessel seiner dämmrigen Werkstatt — ferne schwebten die schönen Augen mit den Greisenringen in dem kleinen Gesicht. Knotige Hände, im Gegensatz zum blutlosen Schädel, mahagonibraun, lagen mit ihren eingewachsenen Rillen Pechs im grünen Schusterschurz. An der Wand, breit wie ein Baß, ragte Radinger mit seinen Holzschnittschultern. Gleich einem Block füllte Ruhe den Raum, bis auf des Schreiners unaufhörlich zitternden Kopf. Die südlich fremden Mandelaugen lagen geschlossen darin und man ahnte sie hinter den Lidern nach oben gebrochen wie einer empfangenden Frau. Der Mund war leer und wartete.